Informationen über die Region
Treysa liegt in der Schwalm, einer Niederung des gleichnamigen Flüsschens, an die sich im Osten die Gebirgsformation des Knüll anschließt. Die Schwalm ist ein Nebenfluss der Eder, welche in die Fulda, einen Quellfluss der Weser, mündet. Zwischen Kirchhain und Treysa ist somit eine Wasserscheide zu überqueren, denn die dortige Ohm fließt der Lahn und damit dem Rhein zu.
In der Europäischen Ethnologie (vulgo Volkskunde) ist die Region der Schwalm bekannt für ihre Trachten. Davon ließen sich auch die Brüder Grimm beeindrucken, die – gemäß ihrer Selbstdarstellung – insbesondere in Oberhessen die mündlich tradierten Märchen sammelten. So interessierte sich der in Marburg um wohnende Otto Ubbelohde für die nordhessischen Trachten und zog der Figur Rotkäppchen eine auf diese Region verweisende Tracht an, was in einer vielverkauften Ausgabe von 1908 – also ca. 50 Jahre nach dem Tod der Brüder Grimm – abgedruckt wurde. Beides hat die Forschung als nicht stimmig erwiesen: Weder zogen die Grimms über die Dörfer, um Märchenerzählungen zu dokumentieren. Sie übernahmen weitgehend bereits vorhandene Dokumente, im Falle Rotkäppchens „Le Petit Chaperon Rouge“ von Charles Perraults (in Contes de ma Mère l’Oye, 1695/1697), noch gehört die rote Kappe zur Ausstattung der Schwalmer Kindertrachten. Desungeachtet werben die Tourismusverbände der Region für das „Rotkäppchenland“.
Die heutige Etappe führt über den sog. Bahnradweg Rotkäppchenland, den Knüllradweg, der auf der Trasse der stillgelegten Knüllbahn (Treysa – Bad Hersfeld: 1907 – 1984) von Treysa bis Wahlshausen ausgebaut ist. Der Knüll wird auch als „kleiner Bruder“ des Vogelsbergs bezeichnet. Die Bahnstrecke überquert tunnelfrei mit max. 2,8 % Steigung die 220 m Höhenunterschied, was weite Schleifen erforderte und schöne Ausblicke ermöglicht. Das Dorf Olberode liegt am Scheitelpunkt der Bahntrasse auf 420 m ü. NN.
Etappenbericht
Nach guter, lauer Sommernacht in moderat belegten Seminarräumen, auf Liegematten unter Bäumen oder in Zelten oder auch in Hängematten zwischen Pfosten zeigte sich wieder ein sonniger Sommermorgen.
Die Tour fuhr aus Treysa hinaus in Richtung Osten. Bald schon wurde der Einstieg in den Bahnradweg erreicht, für den es nur noch die Eskorte von drei Polizeimotorrädern gab. Also Bahntrassenradeln vom Feinsten, denn der Untergrund war bestens asphaltiert, die Steigung erträglich und die gelegentlichen Rastplätze und vor allem die Ausblicke grandios.

Am Ortsrand von Neukirchen wurde die erste Pause eingelegt. Hier wird eine erstaunliche Infrastruktur bereit gehalten: ein großer Kinderspielplatz, Bänke, ein Toilettenhaus, ein Pumptrack und Skating-Parcour, eine Blühwiese und ein kleines, mäanderndes Bächlein.



Der geringe, aber doch stetige Anstieg dauerte noch bis zum Mittagshalt an. In Olberode, am Alten Bahnhof, hatten Wam und Mitarbeiter:innen die Küche aufgebaut und eine Mittagsmahlzeit vorbereitet. Für alle die, die mehr brauchten, war zudem eine Restauration verfügbar.

Hinter Walshausen endigt der ausgebaute Teil des Radwegs. Weiter wurde auf Landstraßen geradelt – ins Tal der Fulda hinein. Von dort war es dann nicht mehr weit bis zur Siedlung Richthof, die oberhalb von Unter-Wegfurth liegt.
Gudrun Gabriel gab eine Führung durch die Einrichtungen und den Park vom Richthof. Die Lebensgemeinschaft im benachbarten Sassen war 1968 gegründet worden von Hanno Heckmann und Doris und Kurt Eisenmeier, als anthroposophisch inspirierte Lebensgemeinschaft, in der Menschen mit Assistenzbedarf (aufgrund geistiger Behinderung) nach der Schulzeit wohnen und tätig sein können. 1970 ist der Richthof dazu gekauft worden, da die Nachfrage nach Plätzen in Sassen übergroß geworden war, binnen sehr kurzer Zeit. Am Richthof und und in Sassen leben bzw. arbeiten insgesamt ca. 200 Menschen.

Es gibt mehrere Werkstätten (Dorfmeisterei, Tischlerei, Gärtnerei, Parkgruppe, Töpferei, Weberei) und einen großen Landschaftspark, der Ende des 19. Jhs angelegt worden ist. Unterhalb des Schlosses und Wirtschaftsgebäudes sind weitere Gebäude dazu gebaut worden. So ist z. B. das Aula-Gebäude dazu gekommen, gestaltet im Stil des organischen Bauens, das auch von Waldorfschulen genutzt wird. Auch ein Pflegehaus ist erbaut worden, in dem Bewohner leben und damit in dieser Einrichtung bleiben können, wenn sie krank und/oder gebrechlich geworden sind. Für Mitarbeiter im Ruhestand, die in der Gemeinschaft verbleiben möchten, ist eine Wohngruppe eingerichtet worden.

Ungefähr 10 bis 12 Menschen mit Assistenzbedarf leben in je einem der insgesamt 12 Familienhäuser zusammen. Das Vorbild dazu gaben die Camphill Gemeinschaften, die zunächst in England von Karl König gegründet worden sind.
Für die Kinder der Mitarbeiter wird oft die Waldorfschule in Fulda gewählt, die ca. 35 km entfernt in Loheland liegt. Fahrgemeinschaften der Eltern reduzieren den Transportaufwand.
Auf dem Richthof leben mehr Menschen als im benachbarten Dorf. Für eine Busanbindung des Richthofs wird seit mehreren Jahren gekämpft, hoffentlich demnächst mit Erfolg.
Die in den Werkstätten gefertigten Produkte können auch direkt nebenan im Werkstattladen angeschaut und erworben werden.
Am Abend fand in dem sehr schön gestalteten Veranstaltungssaal das Mittelplenum statt. Hier werden all die Menschen vorgestellt, die sich für die Vorbereitung und Durchführung der TdN engagieren und somit „einen Hut“ tragen, dafür leichter in der Gruppe findbar werden – und von allen dafür freundlich bedankt werden.
