Am Vormittag fanden diverse Workshops im Quartier statt, insbesondere zur Vernetzung von Klima-Initiativen, also als Weiterführung der Veranstaltung vom Vorabend.
- Entscheidungen in Gruppen: Eine Kombination von soziokratischer Kreismoderation und systemischem Konsensieren
- „Macht voll Verändern“: Macht und Rang in hierarchiefreien Projekten
- Selbstverwaltete Radwerkstatt mit mobiler Werkstatt
- Fahrradcodierung (ADFC)
- Critical Mass – in Marburg und anderswo
- Protestsongs selber schreiben, Teil II
- Ungehorsamer Klimaprotest
- 15 min fürs Klima
- Gewaltfreiheit
- Rechtsfolgen Letzte Generation
Am Nachmittag gab es eine Radtour zum (Bade-)Seepark nach Niederweimar und eine besondere Stadtführung per Rad. Wolli zeigte den Touries, was wo in der alternativen Szene so los ist.
So wurde die Radwerkstatt Radau im nahegelegenen Schwanhof besucht, die sehr gefragt ist. Dort werden auch freie Lastenräder gewartet, von denen es allein in Marburg Stadt 50 gibt, hinzu kommen noch 20 freie Lastenanhänger. Es gibt noch eine weitere Selbsthilfewerkstatt, in der Nähe des Theaters: Radikate, die in ihren Räumen auch Platz für PlunderWunder bietet, den Umsonstladen.
Fast am engen Ende der Straße Am Grün gibt es noch immer, d. h. seit 1969, den selbstverwalteten Buchladen Roter Stern, der um ein niedliches Café zur Lahn hinaus erweitert worden ist. Damals wurde Marburg „rot“, insbesondere eine DKP-Hochburg, und der AStA wurde vom MSB Spartakus dominiert.

Die Literatur zu den marxistischen Grundlagen der Gesellschaftskritik war in der damaligen Studentenstadt nur hier – umfänglich – erhältlich. Im gesellschaftswissenschaftlichen Grundstudium des Fachbereich 03 wurden GAKs (Grundarbeitskreise) eingerichtet, geleitet von studentisch Tutoren. Zumindest der erste Band des „Kapitals“ von Karl Marx war keineswegs leicht verstehbare Pflichtlektüre.
Gleichfalls im Südviertel präsent ist Onkel emma, eine Einkaufsgemeinschaft für Bioprodukte, die für ihre Mitglieder ein sehr kostengünstiges und bequemes Einkaufen ermöglicht. Es gibt noch einen weiteren solchen Laden in Marburg, den Roten Punkt. Beide Einkaufsgemeinschaften müssen Wartelisten für neue Mitglieder führen, denn sie sind sehr gefragt.
An der Lahn, gegenüber der Mensa, ist eine Fahrradzone eingerichtet worden – und die ca. 300 PKW-Parkplätze unterhalb sind zugunsten einer Uferwiese abgeschafft worden. Diese Nachhaltigkeitsmaßnahmen waren wie so viele anfangs umstritten; mittlerweile werden nur deren Vorteile gesehen.

Schließlich zeigte Wolli den Touries die umgestaltete Straße Ketzerbach, die für Fußgänger und Radler sehr viel mehr Platz bekommen hat – und zudem in der Mitte eine Wasserkaskade. Leider ist der Durchgangsverkehr noch immer sehr massiv: 11.000 Kfz täglich. Der gesamte Pendlerverkehr zu den Behring-Werken (ca. 7.000 Beschäftigte) geht – aus Marburgs Stadtgebiet – durch die Ketzerbach. Eine verkehrstechnische Lösung für dieses Nadelöhr ist kaum möglich.

Drei Häuser im oberen Bereich sind Syndikatswohnhäuser geworden. Neben dem Eingang des einen Gebäudes haben die Bewohner ein Regal aufgestellt, das sehr bald zu einem rege besuchten Tauschpunkt für viele Dinge geworden ist. Die Nutzer sorgen auch immer wieder für das Aufräumen der Regalflächen und das Entsorgen von dem, was keiner mehr brauchen kann.

Zum Abschluss der Rundfahrt trafen die Touries pünktlich an der belebten Einmündung der Gutenbergstraße in die Universitätsstraße ein. Dort fand – wie öffentlich angekündigt – eine „Kunstaktion“ statt.

Im Wochenabstand lädt die Marburger Aktivistin Jana Trommer dazu ein. Sie sang, begleitet von ihrem Kollegen auf dem Didgeridoo und assistiert von ihrer Kollegin, die mit weißen Handschuhen gestikulierte. Sie setzten sich auf die Fahrbahn der Gutenbergstraße, präsentierten ihre Kunst und werben damit für den Klimaschutz – gewaltfrei. Leider sind gegen ihre Aktionen mehrfach Strafverfahren eingeleitet worden, in denen sie z. T. zu Geldstrafen verurteilt worden ist. Die Touries interessierten sich für diese Kunstaktion; die anwesende Stadtpolizei nahm dies zur Kenntnis. So verging diese Viertelstunde. Dann war die Aktion beendet, die Fahrbahn stand den Fahrzeugen wieder zur Verfügung und die Touries radelten zurück zum Quartier.
Im gut bestuhlten zweiten Hallenteil fand wieder eine Abendveranstaltung statt. Vorgestellt von Cordula Weimann wurde ihr Buch „Oma, erzähl mir von der Zukunft“ (19,50 €). Cordula hat 2019 die Bewegung Omas for Future gegründet. Die Generation 50+ hat die Mehrheit in der Wählerschaft (56 %), und diese Mehrheit sollte die engagierte Minderheit der „Fridays for Future“ unterstützen. Die zentrale These richtet sich auf die Zielformulierung: Die meisten (Stadt-)Bürger wünschen sich ein „glückliches Leben“ in ihrer Stadt, mit mehr Aufenthaltsqualität darin und ohne die Umweltbelastung durch Kfz-Verkehr und fossile Energieerzeugung. Wenn sie für diese Ziele sich gemeinsam engagieren, dann werden nachhaltige Klimaziele, die leider weniger Zustimmung erhalten, zugleich angestrebt.

Das Buch ist ein Vorlesebuch – für Kinder ab 6 Jahren. Lili und Oma sind die Protagonisten und Flori, der Regenbogenwurm. Für Schulen werden auch in diesem Jahr wieder Vorlese-Omas gesucht. Unterrichtsmaterialien können vom Verein zur Verfügung bzw. der Homepage herunter geladen werden.
Musikalische Einleitung und Ausklang gab es von Tourorchester und -chor. Und von den Touries: Gesungen wurde der dreistimmige Kanon der Tour: Fahr’n wir mal wieder … .
