6. Tag TdN 2026, Donnerstag, 30.07.: Von Gießen nach Marburg (50 km)

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Durch das in Richtung Marburg zunehmend schmaler werdende Tal der Lahn verläuft die heutige Etappe. Im Westen erhebt sich das Gladenbacher Bergland; der Krofdorfer Forst bildet ein großes Waldgebiet westlich von Lollar.

Zwischen Gießen und Marburg ist die Bundesstraße B3 – gegen den Widerstand mehrerer Initiativen – „autobahnähnlich“ ausgebaut worden. Insbesondere die Marburger Grünen konnten bislang verhindern, dass dieses Teilstück als „Autobahn“ hochgestuft wird, was die Lärmbelastung für die angrenzenden Dörfer und vor allem das Marburger Stadtgebiet deutlich erhöhen würde, denn die dort mühevoll errungene Geschwindigkeitsbegrenzung auf 100 km/h für PKW und 60 km/h nächtlich für LKW wäre dann kaum mehr begründbar.

Nördlich der Industriestadt Lollar erhebt sich auf einem Basaltkegel die weithin sichtbar Burg Staufenberg – Teil des gleichnamigen Dorfes. Die Oberburg wurde mehrfach zerstört und diente bis zur Mitte des 19. Jhs als Steinbruch; heute kann die Ruine besichtigt werden. Die Unterburg wurde 1517 erbaut und hatte mehrere feudale Besitzer, was jedoch nicht deren Verfall verhinderte. In der Mitte des 19. Jhs kauften die in Gießen studierenden Prinzen Ludwig und Heinrich von Hessen-Darmstadt die Unterburg und ließen sie schlossartig restaurieren, natürlich nur im Vermögensrahmen ihrer BaföG-Stipendien. Das Land Hessen wurde 1925 Besitzer und verkaufte die Unterburg 2002 an die Privathotels Dr. Lohbeck, die seither darin ein Vier-Sterne-Hotel betreiben, das das Nachfolgende verspricht: „Die Verbindung der historischen und neuen Werte sorgt für einen ganz besonderen Charme.“

Vor Marburg verengt sich das Lahntal. Im Osten erheben sich die Lahnberge, auf denen in den 1960er Jahren der naturwissenschaftliche Campus und das Universitätsklinikum errichtet worden sind. Die Altstadt von Marburg liegt am Hang des Marburger Rückens, auf dem das weithin sichtbare Landgrafenschloss steht.

Marburg hat 73.000 Einwohner (davon ca. 20.000 Studierende). Die Altstadt ist tw. für den Autoverkehr gesperrt und beeindruckt durch ihre Fachwerkbauten. Unterhalb der Altstadt liegt der Alte Botanische Garten, dessen nördliche Randbebauung mehrere renovierte Universitätsinstitute sowie den Neubau der Uni-Bibliothek erhalten hat. Auf der gegenüberliegenden Seite ragt die Elisabeth-Kirche mit ihren beiden schlanken Türmen empor; sie gilt als die älteste rein gotische Kirche Deutschlands (Baubeginn 1235).

Die Philipps-Universität Marburg ist 1527 als erste deutsche protestantische Hochschule gegründet worden – auf Veranlassung des zum Protestantismus konvertierten Landgrafen gleichen Namens. Das am Rande der sog. Oberstadt liegende Ensemble „Alte Universität“ ist ein imposanter neugotischer Bau – aus der Mitte des 19. Jhs. Zwischen Bundesbahntrasse und vierspuriger Stadtautobahn wurde in den 1960er Jahren die Philosophische Fakultät sowie die Uni-Bibliothek errichtet. Die Gebäude gelten schon seit Jahren als baufällig; der UB-Bau ist bereits aufgegeben worden. Besondere Bekanntheit erlangte in den 1960/70er Jahren die Marburger Schule der Politikwissenschaft, zu deren Begründern Prof. Wolfgang Abendroth zählt. Die Theoriebildung bezieht sich explizit auch auf die Grundlagen des Marxismus.

Bei der Kommunalwahl 2021 schnitten die Grünen als stärkste Partei ab; in der Folgewahl 2026 lagen sie als zweitstärkste Partei hinter der CDU.

Etappenbericht

Um 8 Uhr wurde – einem mittlerweile bewährten Ritual folgend – den Touries in der Turnhalle und im Außenbereich zur Kenntnis gebracht, dass „Aufstehen schön“ sei. Dies ist der Refrain des Songs, den Taco über seinen Lautsprecher verteilt, aber auch die Meinung und Stimmungslage seiner Sissi, die in solistischer Modulierung der Melodielinie auch den Langschläfern deutlich macht, was nun zu tun ist.

Die Tour startete pünktlich zum ersten Infopunkt. Die ersten Bauvorhaben an der geplanten B 49, südwestlich von Reiskirchen, sind bereits begonnen worden, obgleich das Neubauprojekt keine hinreichende Bedarfsbegründung aufweist und zudem für Mehrverkehr in den angrenzenden Dörfern und Städten (insbes. Büdingen) bringen wird.

Jörg zeigte den Touries im Tal der Jossaler unterhalb von Reiskirchen, welch ein Flächenverbrauch und Biotopschaden durch die hier als Ortsumgehung geführte B 49 neu hervorbringen wird. Mittlerweile werden die Areale für die zuerst errichteten Brückenbauten mit Doppelzäunen umgeben und einer KI-gestützten Videoüberwachung ausgerüstet. Erstaunlicherweise ist es mehrfach vorgekommen, dass die Reptilienschutzwände wieder für die Tiere, insbesondere die sonnenliebenden Eidechsen, wieder durchgängig gemacht wurden.

Infostopp an der geplanten Ortsumgehung der B 49 neu

Über die Ausgleichsmaßnahmen berichtete Jörg ebenfalls. Die Eidechsen sollen abgesucht und an einer neuen Standort verbracht werden. Dieser in der Umgebung errichtete „Sandhaufen“ ist allerdings längst überwachsen und zudem durch die bauliche Verschattung des Brückenbauwerks für Eidechsen kaum mehr geeignet. Würden die Eidechsen stattdessen an ein funktionierendes Biotop verbracht, träte dort Populationskonkurrenz auf, was einer Bestandsreduzierung oder gar -vernichtung gleichkäme. Gleiches gilt für die zugesagte Vergrämung von insbesondere Schmetterlingen durch frühe und mehrfache Wiesenmahd. Die damit abgedrängten Insekten müssten sich in jene Biotope begeben, die bereits hinreichend von den dortigen Artgenossen besiedelt sind. Vergrämung sei somit zumeist eine Umschreibung von Vernichtung.

Unterwegs im noch unbebauten Jossatal

Am zweiten Infopunkt unterhalb von Lindenstruth schilderte Carmen, die Besitzerin des dortigen Reiterhofs, dass das geplante Trassen- und Brückenbauwerk den Weiterbetrieb ihrer Pferdeweiden kaum mehr möglich mache, weil dieses zwischen dem Hof und den Weiden errichtet werde. Auch hier steht bereits der Hochsicherungsbereich der Baustellenumzäunung.

Infostopp am geplanten Brückenbauwerk am Reiterhof unterhalb von Lindenstruth

Weiter ging es dann durch die hochsommerliche Hitze in Richtung Lahntal, was einige Hügel zu beradeln erforderte. Auf dem Daubringer Pass ganz oben endlich angekommen, wurde ich längere Pause eingelegt. Unterwegs konnte im Westen der Blick auf die Burgen Staufenberg und Gleiburg gerichtet werden. Es gibt in dieser Region einige Basaltkegel, die im frühen Mittelalter als Standorte für Burgen genutzt wurden.

Abfahrt vom Daubringer Pass – mit Blick auf die Burgruine Staufenberg

Dann ging’s fast nur noch bergab. Vor Staufenberg konnte die Tour über eine erstaunliche Fahrradstraße radeln, kein Autoverkehr, fein asphaltierte Trasse, schöne Talaue. Der Nachbarort liegt bereits an der Lahn, hat eine Bahnstation und heißt Lollar. Im dortigen Kulturbahnhof hatte Wams Küche bereits alles vorbereitet für eine angenehm schattige (37 Grad) und stärkende Mittagspause.

In Lollar am sog. Schmaadlecker Brunnen fand eine Aktion statt. Dort informierte die Stadtverordnete Jutta Pfaff der Grünen über die örtliche Verkehrspolitik. In Lollar fehlen weitgehend die Radwege bzw. Radfahrstreifen und rote Aufstellflächenflächen an den Kreuzungen. Das ist besonders auch deshalb peinlich, weil Lollar an zwei Radfernwegen liegt: am stark frequentierten Lahnradweg und am Radweg Deutsche Einheit.

Aktion am Schmaad Lecker Brunnen in Lollar

Danach begrüßte der Verkehrsdezernent Christian Zuckermann des Landkreises Gießen die Touries und dankte ihnen für ihr Engagement. Als besonders wichtiges Vorhaben bezeichnete er die Reaktivierung der Lumdatalbahn.

Dann radelten die ca. 130 Touries weiter in Richtung Marburg. Das drohende Gewitter zog weiter östlich vorüber, es kühlte gleichwohl etwas ab, nur die Windböen machten etwas zu schaffen, aber die Tour hatte eher Rückenwind. Interessant war die Befahrung der neu angelegten Fahrradstraße vor Staufenberg: eine außerstädtische Fahrradstraße durch die Auenlandschaft.

Außerörtliche Fahrradstraße vor Staufenberg

Am Wasserspielplatz in Niederwalgern wurde eine Pause eingelegt, sehr zur Freude der Tourkinder. Für die Erwachsenen gab es Baumschatten und eine Toilettenanlage bei der Feuerwehr nebendran.

Wasserspielplatz und außerschulischer Lernort der Mechanik in Niederwalgern

Die Turnhalle des Gymnasiums Philippinum bot den Touries ein großes Raumangebot, leider aber keine Zeltgelegenheit.

Am Abend referierte Stefan Schulte von u.a. Climate Hub Marburg zum Thema Vernetzung von Klima-Initiativen. Wolli, auch in Marburg engagiert, ergänzte mit weiteren Informationen. In Marburg sind ungefähr 50 Initiativen mit Klimathemen befasst und über mehrfache Mitgliedschaften von Aktivisten auf der persönlichen Ebene verbunden. Climate Hub bietet zudem einen internetbasierten Rahmen für die Verknüpfung der Initiativen.

Abendveranstaltung zur Vernetzung von Klimainitiativen in Marburg