Informationen über die Region
Die heutige Route führt weiter in Richtung Norden hinein in die Großregion des Hessischen Berglands. Fast bis Gießen begleiten die Ausläufer des Taunus die Route, die bis Butzbach in den weiten Talauen der Wetter verläuft, um sodann über eine kleine Wasserscheide das bei Gießen aufgeweitete Tal der Lahn zu erreichen. Im Osten fällt der Blick auf die tw. kegelartigen Höhen des vulkanischen Vogelsbergs.

Am nordöstlichen Rand des Taunus, aber schon in Wetterau, liegt Butzbach, eine Kleinstadt mit 27.000 Einwohnern. In der Altstadt mit vielen Fachwerkhäusern liegen zwei Schlossbauten: das Landgrafenschloss (heute Stadtverwaltung) und das Solmser Schloss (heute Amtsgericht). Seit 2011 darf sich Butzbach „Friedrich-Ludwig-Weidig-Stadt“ nennen, nach ihrem einstmaligen Bürger, Theologen und Lehrer (1791-1837), der zusammen mit Georg Büchner den „Hessischen Landboten“ verfasst und als Flugschrift in Umlauf gebracht hat (1834). Es handelt sich um einen Aufruf zur Revolution der Landbevölkerung gegen die feudale Obrigkeit (und das reiche Bürgertum – bei Büchner). Heute noch bekannt ist die Überschrift der Flugschrift: „Friede den Hütten! Krieg den Palästen!“, ein Wahlspruch der französischen Revolution.
In Butzbach gibt es noch Reste schwerindustrieller Produktion: Die Firma voestalpine stellt Schnellfahrweichen her. – In alternativen Kreisen bekannt ist die Firma Hess Natur, die ökologische Bekleidung vertreibt (Jahresumsatz derzeit ca. 100 Mill. Euro). Das einstmalige und sehr erfolgreiche Familienunternehmen wurde 2001 an Neckermann und später an Capvis verkauft. Eine genossenschaftliche Initiative wollte diese Übernahme verhindern.
Gießen hat fast 90.000 Einwohner (davon 23.000 Studierende) und ist somit die siebgrößte Stadt in Hessen. 1607 wurde die „konfessionelle“ Universität gegründet, in der religiösen Ausrichtung des Landgrafen von Hessen-Darmstadt als „lutherische“ Ausbildungsstätte für den Klerus. Dies war auch eine politische Reaktion auf die bereits 1527 gegründete, vom Landgrafen Hessen-Marburgs nach dessen Übertritt zum Calvinismus 1607 erzwungene Ausrichtung der Universität Marburg zum reformierten Bekenntnis, was viele lutherisch gläubige Professoren zum Wechsel von Marburg nach Gießen veranlasste.
1957 erfolgte die Wiedergründung der Universität in Gießen und deren Benennung nach Justus Liebig, der als Professor hier in der ersten Hälfte des 19. Jhs forschte und als „Vater“ der mineralischen Pflanzenchemie und als (einer der) Erfinder der chemischen Düngemittelproduktion gilt.
Die Innenstadt von Gießen wurde durch zwei Bombenangriffe der Allierten in den Jahren 1944 und 45 zu neunzig Prozent zerstört und architektonisch wenig anspruchsvoll wieder aufgebaut. Die stadtplanerische Grundidee orientierte sich stark an dem Konzept einer autogerechten Stadt. Die mittelalterlichen Wallanlagen sind geschliffen und späterhin zu vierspurigen Autostraßen umgebaut worden. 1967 wurde eine markante Fußgängerüberführung an deren Südwestrand als Übergang in den Seltersweg (Fußgängerzone, seit 1980er Jahren weitgehend autofrei) errichtet, die den Spitznamen „Elefantenklo“ erhalten hat. Der sog. Gießener Ring umgibt das gesamte Stadtgebiet mit Schnellstraßen, die Autobahnen sind bzw. deren Anbindung herstellen.
Etappenbericht
Bei strahlendem Sommersonnenschein startete die Tour nach Butzbach. Die Neuigkeit vom gestrigen späten Abend war, dass sowohl die erste wie die angerufene zweite gerichtliche Instanz dem Antrag der TdN, d. h. des von ihr beauftragten Rechtsanwalts, auf Aufhebung des polizeilichen Verbots der Befahrung der A 5 nicht angenommen hat. Das ist insofern eine neue gerichtliche Auseinandersetzung um die Routenwahl für diese Fahrraddemonstration, als bislang die obergerichtlichen Entscheidung zumeist die restriktiven Entscheidungen der ersten Instanz aufgehoben haben, im Rahmen eines Eilverfahrens, also vor der Klärung im Hauptverfahren.
Die erste Station fand am Aliceplatz im Zentrum von Bad Nauheim statt. Hier veranstalte die TdN eine Kundgebung, unter dem wohltuenden Schattendach hoher Laubbäume und direkt gegenüber von einer Fußgängerzone des Ortes. Die Transparente wurden ausgerollt, kurze Ansprachen gehalten und Erik Stenzel brachte mehrere Prostestsongs zu Gehör.

Der Hessische Rundfunk hatte ein Reporter-Kamerateam geschickt, die den Ablauf der Kundgebung, das Radeln durch die Felder und die Ankunft in Butzbach aufnahmen. Die Hessenschau brachte den Beitrag an diesem Tag.
Weiter ging es dann zur Stadt in Richtung Norden hinaus in die Nähe der Autobahn, deren Befahren der TdN ja nunmehr nicht mehr möglich war. Also eskortierte uns die Polizei durch die Feldwege mit Blick auf die – noch dreispurige – Autobahn. Auf einer überquerenden Brücke legte die Tour einen Stopp ein, was von nicht wenigen drunten passierenden LKWs mit freundlichen Gesten (insbes. sonoren Hupgetön) kommentiert wurde.

In das Städtchen Butzbach war es dann bald geschafft. Zeitig traf die Tour an der dortigen Markuskirche ein, wo bereits Fleming Kitchen die Mittagsmahlzeit vorbereitet hatte, die unter schattenspendenden Bäumen eingenommen werden konnte.

Jörg informierte die Touries am Ende der Mittagspause über das fatale Projekt Anlagenring für Radler in Gießen. Nach engagierten Aktionen und Kampagnen war es 2023 in Gießen gelungen, ein zentrales Projekt der Verkehrswende nicht nur zu beschließen, sondern auch umzusetzen. Die Innenspur des vierspurigen Anlagenrings wurde – als „Verkehrsversuch“ – in eine Fahrradspur umgebaut. Sogar Kopenhagener Freunde sollen davon sehr beeindruckt gewesen sein. Für die Innenspur waren gravierende Sicherheitsvorteile zu erwarten: die gefährlichen Rechtsabbiegebeziehungen am Ring (46 Straßen münden auf den Ring) werden allesamt abgeschafff. Die Touries würden am Nachmittag den Anlagenring befahren und könnten sich dann einen Eindruck von dem Scheitern des Projektes verschaffen.

Also ging es weiter nach Gießen. Die Tour umfuhr die Innenstadt auf dem Ring und radelte somit auf dem abgeschafften, weil zurückgebauten Anlagenring. Der damals grüne Bürgermeister knickte ein, weil es gut organisierten Widerstand insbesondere von Seiten der CDU gab und diverse Klagen erfolgreich waren. Daraufhin wurde zurückgebaut auf Anweisung des Bürgermeisters.
Beim Info-Stopp auf dem Ring wurde darüber berichtet. Es war wohl doch so, dass das Durchhaltevermögen zu gering war, denn die Klagen standen unter dem Verdacht, dass hier befangene Richter entschieden haben. So habe eine Richterkollegin eine der Klagen eingereicht.

Als Übernachtungsquartier war die TdN in der Sophie-Scholl-Schule, einer integrative Gesamtschule, eingeladen, mit schöner großer Turnhalle und weitläufigem Außengelände.

Am Abend gab es einen Vortrag zum Thema „Regiotram für die Gießen und Umland“. Finn Becker berichtete über ein besonderes Teilprojekt für die Verkehrswende in Gießen. Die Stadt Gießen hat sich verpflichtet, bis 2035 klimaneutral zu werden, was einschließt, dass der Kfz-Modal-Split von derzeit 81 % auf 20 % sinkt. Zudem soll die Feinstaubbelastung und die Flächenversiegelung deutlich reduziert werden. Dazu kann das Regiotram-Konzept einen erheblichen Teil beitragen.
In Gießen treffen 5 Bahnlinien zusammen, die durch Reaktivierung von weiteren Strecken noch Querverbindungen erhalten können. Das Schienennetz der Bahn bietet somit eine günstige Ausgangslage. In der Stadt sollen stark genutzte Buslinien durch leistungsfähigere und erheblich emissionsärmere Regiotrambahnen ersetzt werden. So würden eine neue Ost-West- und eine Nord-Süd-Linie als Regiotramstrecken entstehen, die sich am Marktplatz treffen.

Im zweiten Vortrag informierte Jörg über den geplanten Ausbau der B 49 und den Widerstand gegen dieses bereits begonnene Vorhaben. Hier sollen durch neue Trassierung wertvolle Flächen bebaut und zusätzliche Lärmbelastung für Wohngebiete, Schulen und Behinderteneinrichtungen geschaffen werden. Das Absurde ist, dass die A 5 fast parallel verläuft.
