Informationen über die Region
Die Route folgt der Werra, deren Tal sich nördlich von Heringen zum Berka-Gerstunger Becken weitet, an das im Osten die Ausläufer des Thüringer Waldes grenzen. Die Grenze zwischen der einstmaligen DDR und der BRD verlief hier mitten im Fluss. Berka lag in der sog. 5-km-Sperrzone, deren Bewohner überwacht, tw. bei vermuteter Unzuverlässigkeit umgesiedelt wurden. Der Zutritt wurde streng kontrolliert.

In Hörschel mündet die Hörsel in die Werra. Der Hörsel folgt die Route durch das recht enge Tal nach Eisenach. Im Westen von Eisenach liegt das Opel-Werk, dessen Vorgänger zu DDR-Zeiten den Wartburg produzierte.
Im Osten grenzen die Hörselberge an die Stadt.
Eisenach liegt am Fuße des Thüringer Waldes, dessen stadtnahe Erhebung, der Burgberg, die Wartburg trägt, die einstmalige Hauptresidenz der Landgrafen von Thüringen. Besonders bekannt ist die Wartburg als Wohnsitz der nach Marburg geflohenen Grafentochter Elisabeth (1221-1227), als „Versteck“ von Martin Luther, der hier (1521/22) das Neue Testament der Bibel ins Deutsche übersetzt hat, als Protestversammlung (1817) von Studenten und Professoren gegen die reaktionären Feudalherrscher und für einen Deutschen Nationalstaat sowie als Studentenversammlung zum zweiten Wartburgfest (1848), auf dem die akademische Freiheit der Universitäten von der Frankfurter Nationalversammlung gefordert wurde.
Eisenach gilt auch als Bach-Stadt. Hier verbrachte Johann Sebastian die ersten zehn Lebensjahre. Im Bachhaus (2007 als futuristischer Neu- bzw. Anbau eingeweiht) wird seine Biographie in „musikalischen Lebensstationen“ gezeigt.
1869 gründeten August Bebel und Wilhelm Liebknecht in Eisenach die Sozialdemokratische Arbeiterpartei, aus der 1890 die SPD hervorging.
Etappenbericht
Am Morgen gab es eine kleine Überraschung: Es regnete, aber nur noch kurze Zeit, und so konnte das Frühstück schon wieder draußen um und vor dem Dorfgemeinschaftshaus eingenommen werden.

Der Anblick der Produktionsanlagen und noch viel mehr der Abraumhalden bei Heringen war beeindruckend. Es gab in Heringen einen Info-Stopp, auf dem Matthias zunächst die Produktionstechnik von K&S und deren Folgen für die Werra (Einleitung von Salzlauge) und für die Umgebung (Aufschüttung von Resthalden, max. Höhe: 200 m über Landschaftsniveau) sowie das Entstehen von Erdbeben (Folge von Laugenverpressung zur Zeit der DDR, wurde aufgeben). Der Vertreter der mit dem BUND kooperierenden Bürgerinitiative Für ein lebenswertes Werratal konnte leider nicht zu diesem Info-Stopp dazu kommen.

Ommo ergänzte um die historische Dimension des Kali-Bergbaus, der im 19. Jh. begonnen hat. Besonders heikle Auswirkungen der Werra- und in Folge der Weser-Versalzung entstanden in Bremen, dessen wesernahe Trinkwassergewinnung durch den hohen Salzgehalt des Flusses gefährdet wurde. So wurde ein Kompromiss geschlossen: Kali & Salz nutzen die Bremer Häfen für den Export und Bremen bauten eine ca. 200 km lange Rohrleitung (Fertigstellung 1934), um aus der Söse-Talsperre im Harz Trinkwasser zu transportieren.
Vor Dankmarshausen wurde eine Pause eingelegt an einem Gedenkort: Die Geschichtswerkstatt Kutzner erinnert mit einer Stele und einen Zaunelement an die von der DDR errichteten Grenzanlagen. Zwei Touries erzählten von ihren Kindheitserfahrungen mit den Reisen in und durch die DDR (als Wessis) und von den Paketkontrollen, die in der DDR für Westpakete durchgeführt wurden – und von willkommenen Weihnachtsgeschenken (Kaffee, Jeans etc.).

Nach Verlassen der Kaliberglandschaft ging es weiter zum Feuchtbiotop Rhäden-Wildeck; hier gab es einen Info-Stopp mit Exkursion zu den Teichen, an denen sich viele Wasservögel (ca. 200 Arten) angesiedelt haben. Zugleich dient dieses Auenwaldgebiet als Quartier für Zugvögel.

Die kleine Radtour führte über eine wunderschöne Baumallee inmitten des Auenwalds zu dem großen Aussichtsturm, der einen eindrucksvollen Blick auf die Teiche gibt. Im Hintergrund: der Kali-Berg.

Die Mittagspause fand am und im Freibad von Gerstungen statt. Viele Touries nutzten diese Gelegenheit zum Abkühlen an diesem heißen Sommertag.
Es gab einen weiteren Pausenstopp, am Ufer der Werra, mit Toiletten und Wasserzapfanlagen. Einige Touries nahmen ein Solebad, dessen heilsame Wirkung noch nicht nachgewiesen ist. Daran wird aber intensiv gearbeitet, denn ab 2028 (s. o.) soll der Salzgehalt deutlich erhöht und damit vielleicht endlich auch die therapeutische Nutzung der nachgesalzenen Werra in Gang gebracht werden. Kurgäste müssen allerdings mit der Präsenz von Fremden rechnen: salzliebende Pflanzen und Kleintiere immigrieren und verdrängen die autochtone Bevölkerung. Massenhafte Remigrationspläne seien bereits in Vorbereitung.

Bei großer Hitze wurde weiter geradelt, durch das Tal der Werra. Bei Hörschel mündet der gleichnamige Fluss in die Werra, die sich durch einen engen Taleinschnitt zwängt. Dieses Tal wird von einer imposanten Autobahnbrücke gequert, die schon zur Nazi-Zeit geplant und vorbereitet wurde, dann zur DDR-Zeit tatsächlich gebaut wurde, mit erheblicher Bezuschussung durch die BRD. In der Nähe machte die Tour eine Pause.

Nun schwenkte die Route in das Tal der Hörschel ein. Bald schon erhob sich vor den Touries die Wartburg – nein, die Burg blieb auf dem Berge hocken, aber die Touries kamen ihr näher.

Bei ihrer Ankunft in Eisenach umrundeten die Touries zunächst mehrfach den Marktplatz. Die Öffentlichkeit wurde durch das Tour-Lied begrüßt. Anschließend richtete Steffen Liebendörfer, Bürgermeister von Eisenach, freundliche und informative Worte an die Touries. Dass Eisenach eine Stadt mit Automobilproduktion sei, das ist bekannt. Adam Opel, der einstmalige Begründer der Firma, sei allerdings Radfahrliebhaber gewesen. Die von ihm begonnene Fahrradproduktion in Rüsselsheim avancierte in den 1920er Jahren zum weltweit größten Hersteller. 1980 wurde der Opel-Produktionsstandort Eisenach gegründet.

In der großen Nachmittagshitze schoben die Touries ihre Räder durch die Karlstraße, die zentrale Fußgängerstraße der Stadt. Dann wurde wieder auf die Räder gestiegen und zum Quartier, der Oststadtschule geradelt. Hier gab es Platz für Zelte und eine kaum aufgeheizte, große Turnhalle zum Schlafen – und 2 x 4 = 8 Duschen!
Am Abend fand – mittlerweile zum fünften Mal – das beliebte „Menschen und Geschichten“ statt, das Paul moderierte. Zunächst wurde zurückgeblickt auf die 50 Monate, die seit der letzten Tour vergangen sind. Was hat sich an den Orten, die die Tour aufgesucht hatte, an günstiger oder ungünstiger Entwicklung eingestellt, bei den dortigen Initiaven, BIs, Verkehrsplanungen, Projekten etc.
Dann wurde aus der Runde nach den Menschen gefragt, die an der diesjährigen Tour nicht teilnehmen und die von Teilnehmenden vermisst werden. Dabei wurde auch deutlich, dass wir alle älter werden: Einige Tourteilnehmer sind aufgrund von Krankheit oder Gebrechlichkeit oder auch von kognitiver Einschränkung nicht mehr in der Lage, an einer doch auch anspruchsvollen Radtour wie der TdN teilzunehmen.
Die dritte Runde widmete Paul sehr einfühlsam denjenigen, die mal Touries waren und in den zurückliegenden 50 Wochen verstorben sind. Er entzündete eine Kerze, auf die die Touries im milden Abendlicht die Blicke ebenso richten konnten wie in sich selbst, in Erinnerung an diese fünf Menschen, deren Tod von einigen Touries sehr bedauert wird und von vielen mit nachdenklicher Stimmung aufgenommen wurde.
