Informationen über die Region
Die Route folgt noch für ein kurzes Stück dem Tal der Lahn, das in Cölbe nach Nordwesten schwenkt. In Cölbe mündet die Ohm in die Lahn. Erstgenannter folgt die Route. Durch den engen Durchbruch der Ohm zwischen den Lahnbergen im Süden und den Ausläufern des Burgwalds im Norden geht es weiter in Richtung Osten – hinein und durch das Amöneburger Becken. Weithin sichtbar ist der 365 m hohe Basaltkegel, auf dem der altstädtische Kern von Amöneburg gelegen ist.

In Kirchhain wird das Ohmtal verlassen, das sich in Richtung Süden wendet. Weiter geht es über Stadtallendorf und Neustadt (Hessen) nach Treysa, dem Endpunkt der heutigen Etappe. 1979 gründeten neun engagierte Studierende und Mitglieder der Anti-AKW-Bewegung aus Marburg das Unternehmen Wagner & Co Solartechnik GmbH, heute Wagner Solar GmbH, mit Firmensitz in Cölbe. 2008 wurde eine Fabrikationsanlage in Kirchhain eröffnet. Eine ähnliche Entstehungs- und Erfolgsgeschichte gab es für Q-Cells in Bitterfeld. In der sog. Solar-Krise 2014 – Umweltminister Peter Altmaier (CDU) kürzte die EEG-Förderung und verhalf der Chinesischen Konkurrenz zu einer marktbeherrschenden Stellung in Deutschland – wurde Wagner & Co insolvent und wurde von einem niederländischen Investor aufgekauft. Heute arbeiten am Standort Kirchhain noch 100 Mitarbeiter bei Wagner Solar.
In Stadtallendorf wurden 1938 im Auftrag der Deutschen Wehrmacht zwei mit riesigen Erdwällen getarnte Sprengstoffwerke errichtet, in denen 15.000 Zwangsarbeiter eingesetzt und den schweren gesundheitlichen Schädigungen des Produktionsprozesses ausgeliefert waren. Die durch die Produktion verursachte Umweltvergiftung gilt als eine der größten Rüstungsaltlasten der BRD, deren Sanierung 170 Mill. Euro gekostet hat und die erst 1991 begonnen und 2006 beendet wurde.
In Treysa, einem sehenswerten Fachwerkstädtchen in Oberhessen, das im Schwalm-Eder-Kreis gelegen ist, ist die Diakonie Hephata (gegr. 1901) mit 1.800 Beschäftigten am Standort einer der größten Arbeitsgeber der Region. Zu den besonderen Betreuungsangeboten zählen die Schule für Kinder mit Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung sowie die Werkstätten für Behinderte und deren Außenwohngruppen. Zudem führt die Einrichtung eine sozialpädagogische Fachschule, die sich „Akademie für soziale Berufe“ nennt. Als Außenstelle der Evangelischen Hochschule Hessen (Darmstadt) wird zudem ein Bachelor-Studiengang Sozialpädagogik angeboten. Während der Nazi-Herrschaft wirkte die Behinderteneinrichtung aktiv mit an der Selektion von 385 Patienten, die überwiegend in die hessische Tötungsanstalt Hadamar überführt wurden. Mit einem Mahnmal vor der Hephata-Kirche bekennt sich die Einrichtung zu ihrer Mitschuld an dieser unsäglichen Vergangenheit.
Etappenbericht
Es hatte wenigstens etwas Regen gegeben. Und so fand das Frühstück noch bei morgendlicher „Kühle“ statt. Um 9:45 konnte die Tour starten, brav aufgestellt mit immerhin 160 Radlern auf dem Schulhof vor dem Gymnasium Philippinum.

Nach Durchqueren der Unterstadt und Überqueren des Busbahnhofs, der viele Parkplätze vor dem Marburger Hauptbahnhof ersetzt = verdrängt hat, konnte die Tour auf die Stadtautobahn auffahren, d. h. auf die Bundesstraße 3, die autobahnähnlich ausgebaut ist, und dieser bis zur nächsten Ausfahrt in Richtung Cölbe folgen. Diese Fahrtrichtung der „Autobahn“ musste somit für den Fahrzeugverkehr gesperrt werden, ein symbolträchtiger Erfolg der Protestdemonstration.
Auf der „alten“ B 3 wurde dann weitergeradelt, durch die Auenlandschaft des Ohmtals. Es gab plötzlich eine bemerkenswerte Trennung des langen Fahrradkonvois. Hinter Cölbe zweigt die Obere Lahntalbahn (Cölbe – Bad Berleburg) von der Main-Weser-Bahn (Frankfurt – Kassel) ab. Die roten Warnleuchten blinkten und die Schranken senkten sich, als erst ein Drittel des „Fahrzeugs“ Tour de Natur den Übergang gequert hatte. Gut, dass wir das wissen: rote Ampeln an Bahnübergängen zeitigen erheblich andere Konsequenzen als jene an Kreuzungen.

Eine willkommene Rast bot das Chausseehaus bei Bürgeln. Hier gab es Toiletten und diversen Ausschank.
Dann wurde weiter geradelt nach Kirchhain. Die Räder der TdN konnten den kleinen Marktplatz am Rathaus gut füllen, es gab eine Kundgebung, auf der Wolli die großen Leistungen der Radverkehrsplanung im Landkreis Marburg-Biedenkopf herausstellte. Hier hat eine tüchtige Landrätin dafür gesorgt, dass alle Radverkehrsprojekte nach einem Kriteriensatz priorisiert werden und nach dieser Rangliste abgearbeitet werden. Müssen hochrangige Projekt zeitlich gestreckt oder gar verändert werden, bleibt der Etat erhalten, um die nächstrangigen Projekte zu finanzieren. In diesem Landkreis ist der Planungsetat für den Radverkehr massiv erhöht worden – zu Lasten der Ausgaben für den Autoverkehr. Auf der Kreisebene sind 4 (in Worten: vier!) Stellen für Radverkehrsplanung eingerichtet worden. Für den Ort Kirchhain ist ein Radverkehrskonzept auf empirischer Basis, d. h. nach der Erfassung von hochfrequentierten bzw. präferierten Wegen erstellt worden, das in die Planung für alle weiteren Straßenbaumaßnahmen eingeht.

Dass eine längere Pause nicht nur zum Eisessen genutzt werden kann, zeigten zwei Touries, die Carcasonne bei sich führen.

Zur Mittagspause konnten die Touries die weitläufigen Parkplatz- und Schattenflächen am Freibad von Stadtallendorf nutzen. Astrid gelang es, für den Freibadbesuch Gruppenkarten zu erstehen, was gern – bei der wieder aufkommenden Hitze – in Anspruch genommen wurde.

In einem Waldstück nach Unterquerung der A 49 gab es eine Kundgebung, bei der über den Widerstand gegen diesen Autobahnbau berichtet wurde, der dem „Danni“, dem Dannenröder Forst massive Zerstörungen gebracht hat. Leider war es auch ein Bericht über Niederlagen.

Im kleinen Städtchen Neustadt wurde nochmals eine Pause eingelegt. Am Rande der Altstadt liegt das Schloss Dörnberg, in das der größte Fachwerkrundbau der Welt, der Junker-Hansen-Turm, integriert ist und vor dem schon wieder ein kleines Eiscafé den Touries verlockende Angebote machte.

In Treysa/Schwalmstadt wurde das Etappenziel erreicht, die Diakonieeinrichtung Hephata. Ronja konnte dort sowohl vielräumige Schlafgelegenheiten in den Seminargebäuden als auch den schönen und praktischen Außenbereich für die Zeltschläfer akquirieren. Zudem ließ sich auf den vielfältigen Sitzgelegenheit bequem speisen und den Abend verbringen.


