Live-Blog

  • 8. Tag TdN 2026, Samstag, 01.08.: von Marburg nach Treysa (50 km)

    —

    von

    —

    ,

    Informationen über die Region

    Die Route folgt noch für ein kurzes Stück dem Tal der Lahn, das in Cölbe nach Nordwesten schwenkt. In Cölbe mündet die Ohm in die Lahn. Erstgenannter folgt die Route. Durch den engen Durchbruch der Ohm zwischen den Lahnbergen im Süden und den Ausläufern des Burgwalds im Norden geht es weiter in Richtung Osten – hinein und durch das Amöneburger Becken. Weithin sichtbar ist der 365 m hohe Basaltkegel, auf dem der altstädtische Kern von Amöneburg gelegen ist.

    In Kirchhain wird das Ohmtal verlassen, das sich in Richtung Süden wendet. Weiter geht es über Stadtallendorf und Neustadt (Hessen) nach Treysa, dem Endpunkt der heutigen Etappe. 1979 gründeten neun engagierte Studierende und Mitglieder der Anti-AKW-Bewegung aus Marburg das Unternehmen Wagner & Co Solartechnik GmbH, heute Wagner Solar GmbH, mit Firmensitz in Cölbe. 2008 wurde eine Fabrikationsanlage in Kirchhain eröffnet. Eine ähnliche Entstehungs- und Erfolgsgeschichte gab es für Q-Cells in Bitterfeld. In der sog. Solar-Krise 2014 – Umweltminister Peter Altmaier (CDU) kürzte die EEG-Förderung und verhalf der Chinesischen Konkurrenz zu einer marktbeherrschenden Stellung in Deutschland – wurde Wagner & Co insolvent und wurde von einem niederländischen Investor aufgekauft. Heute arbeiten am Standort Kirchhain noch 100 Mitarbeiter bei Wagner Solar.

    In Stadtallendorf wurden 1938 im Auftrag der Deutschen Wehrmacht zwei mit riesigen Erdwällen getarnte Sprengstoffwerke errichtet, in denen 15.000 Zwangsarbeiter eingesetzt und den schweren gesundheitlichen Schädigungen des Produktionsprozesses ausgeliefert waren. Die durch die Produktion verursachte Umweltvergiftung gilt als eine der größten Rüstungsaltlasten der BRD, deren Sanierung 170 Mill. Euro gekostet hat und die erst 1991 begonnen und 2006 beendet wurde.

    In Treysa, einem sehenswerten Fachwerkstädtchen in Oberhessen, das im Schwalm-Eder-Kreis gelegen ist, ist die Diakonie Hephata (gegr. 1901) mit 1.800 Beschäftigten am Standort einer der größten Arbeitsgeber der Region. Zu den besonderen Betreuungsangeboten zählen die Schule für Kinder mit Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung sowie die Werkstätten für Behinderte und deren Außenwohngruppen. Zudem führt die Einrichtung eine sozialpädagogische Fachschule, die sich „Akademie für soziale Berufe“ nennt. Als Außenstelle der Evangelischen Hochschule Hessen (Darmstadt) wird zudem ein Bachelor-Studiengang Sozialpädagogik angeboten. Während der Nazi-Herrschaft wirkte die Behinderteneinrichtung aktiv mit an der Selektion von 385 Patienten, die überwiegend in die hessische Tötungsanstalt Hadamar überführt wurden. Mit einem Mahnmal vor der Hephata-Kirche bekennt sich die Einrichtung zu ihrer Mitschuld an dieser unsäglichen Vergangenheit.

    Etappenbericht

    Es hatte wenigstens etwas Regen gegeben. Und so fand das Frühstück noch bei morgendlicher „Kühle“ statt. Um 9:45 konnte die Tour starten, brav aufgestellt mit immerhin 160 Radlern auf dem Schulhof vor dem Gymnasium Philippinum.

    160 Radler vor der Abfahrt – auch dafür kann ein Schulhof dienlich sein.

    Nach Durchqueren der Unterstadt und Überqueren des Busbahnhofs, der viele Parkplätze vor dem Marburger Hauptbahnhof ersetzt = verdrängt hat, konnte die Tour auf die Stadtautobahn auffahren, d. h. auf die Bundesstraße 3, die autobahnähnlich ausgebaut ist, und dieser bis zur nächsten Ausfahrt in Richtung Cölbe folgen. Diese Fahrtrichtung der „Autobahn“ musste somit für den Fahrzeugverkehr gesperrt werden, ein symbolträchtiger Erfolg der Protestdemonstration.

    Auf der „alten“ B 3 wurde dann weitergeradelt, durch die Auenlandschaft des Ohmtals. Es gab plötzlich eine bemerkenswerte Trennung des langen Fahrradkonvois. Hinter Cölbe zweigt die Obere Lahntalbahn (Cölbe – Bad Berleburg) von der Main-Weser-Bahn (Frankfurt – Kassel) ab. Die roten Warnleuchten blinkten und die Schranken senkten sich, als erst ein Drittel des „Fahrzeugs“ Tour de Natur den Übergang gequert hatte. Gut, dass wir das wissen: rote Ampeln an Bahnübergängen zeitigen erheblich andere Konsequenzen als jene an Kreuzungen.

    Schrankenteilung der TdN

    Eine willkommene Rast bot das Chausseehaus bei Bürgeln. Hier gab es Toiletten und diversen Ausschank.

    Dann wurde weiter geradelt nach Kirchhain. Die Räder der TdN konnten den kleinen Marktplatz am Rathaus gut füllen, es gab eine Kundgebung, auf der Wolli die großen Leistungen der Radverkehrsplanung im Landkreis Marburg-Biedenkopf herausstellte. Hier hat eine tüchtige Landrätin dafür gesorgt, dass alle Radverkehrsprojekte nach einem Kriteriensatz priorisiert werden und nach dieser Rangliste abgearbeitet werden. Müssen hochrangige Projekt zeitlich gestreckt oder gar verändert werden, bleibt der Etat erhalten, um die nächstrangigen Projekte zu finanzieren. In diesem Landkreis ist der Planungsetat für den Radverkehr massiv erhöht worden – zu Lasten der Ausgaben für den Autoverkehr. Auf der Kreisebene sind 4 (in Worten: vier!) Stellen für Radverkehrsplanung eingerichtet worden. Für den Ort Kirchhain ist ein Radverkehrskonzept auf empirischer Basis, d. h. nach der Erfassung von hochfrequentierten bzw. präferierten Wegen erstellt worden, das in die Planung für alle weiteren Straßenbaumaßnahmen eingeht.

    Kundgebung auf dem Marktplatz von Kirchhain

    Dass eine längere Pause nicht nur zum Eisessen genutzt werden kann, zeigten zwei Touries, die Carcasonne bei sich führen.

    Pausenspiel

    Zur Mittagspause konnten die Touries die weitläufigen Parkplatz- und Schattenflächen am Freibad von Stadtallendorf nutzen. Astrid gelang es, für den Freibadbesuch Gruppenkarten zu erstehen, was gern – bei der wieder aufkommenden Hitze – in Anspruch genommen wurde.

    Mittagspause am Freibad in Stadtallendorf

    In einem Waldstück nach Unterquerung der A 49 gab es eine Kundgebung, bei der über den Widerstand gegen diesen Autobahnbau berichtet wurde, der dem „Danni“, dem Dannenröder Forst massive Zerstörungen gebracht hat. Leider war es auch ein Bericht über Niederlagen.

    Infostopp zur A 49

    Im kleinen Städtchen Neustadt wurde nochmals eine Pause eingelegt. Am Rande der Altstadt liegt das Schloss Dörnberg, in das der größte Fachwerkrundbau der Welt, der Junker-Hansen-Turm, integriert ist und vor dem schon wieder ein kleines Eiscafé den Touries verlockende Angebote machte.

    Fachwerkrundturm in Neustadt (Hessen)

    In Treysa/Schwalmstadt wurde das Etappenziel erreicht, die Diakonieeinrichtung Hephata. Ronja konnte dort sowohl vielräumige Schlafgelegenheiten in den Seminargebäuden als auch den schönen und praktischen Außenbereich für die Zeltschläfer akquirieren. Zudem ließ sich auf den vielfältigen Sitzgelegenheit bequem speisen und den Abend verbringen.

    Speise- und Aufenthaltsraum in Hephata Treysa
    Nachtquartiere mit und ohne Zelt

  • 7. Tag TdN 2026, Freitag, 31.07.: Workshops und Exkursionen in Marburg

    —

    von

    —

    Am Vormittag fanden diverse Workshops im Quartier statt, insbesondere zur Vernetzung von Klima-Initiativen, also als Weiterführung der Veranstaltung vom Vorabend.

    • Entscheidungen in Gruppen: Eine Kombination von soziokratischer Kreismoderation und systemischem Konsensieren
    • „Macht voll Verändern“: Macht und Rang in hierarchiefreien Projekten
    • Selbstverwaltete Radwerkstatt mit mobiler Werkstatt
    • Fahrradcodierung (ADFC)
    • Critical Mass – in Marburg und anderswo
    • Protestsongs selber schreiben, Teil II
    • Ungehorsamer Klimaprotest
    • 15 min fürs Klima
    • Gewaltfreiheit
    • Rechtsfolgen Letzte Generation

    Am Nachmittag gab es eine Radtour zum (Bade-)Seepark nach Niederweimar und eine besondere Stadtführung per Rad. Wolli zeigte den Touries, was wo in der alternativen Szene so los ist.

    So wurde die Radwerkstatt Radau im nahegelegenen Schwanhof besucht, die sehr gefragt ist. Dort werden auch freie Lastenräder gewartet, von denen es allein in Marburg Stadt 50 gibt, hinzu kommen noch 20 freie Lastenanhänger. Es gibt noch eine weitere Selbsthilfewerkstatt, in der Nähe des Theaters: Radikate, die in ihren Räumen auch Platz für PlunderWunder bietet, den Umsonstladen.

    Fast am engen Ende der Straße Am Grün gibt es noch immer, d. h. seit 1969, den selbstverwalteten Buchladen Roter Stern, der um ein niedliches Café zur Lahn hinaus erweitert worden ist. Damals wurde Marburg „rot“, insbesondere eine DKP-Hochburg, und der AStA wurde vom MSB Spartakus dominiert.

    Buchladen Roter Stern in Marburg

    Die Literatur zu den marxistischen Grundlagen der Gesellschaftskritik war in der damaligen Studentenstadt nur hier – umfänglich – erhältlich. Im gesellschaftswissenschaftlichen Grundstudium des Fachbereich 03 wurden GAKs (Grundarbeitskreise) eingerichtet, geleitet von studentisch Tutoren. Zumindest der erste Band des „Kapitals“ von Karl Marx war keineswegs leicht verstehbare Pflichtlektüre.

    Gleichfalls im Südviertel präsent ist Onkel emma, eine Einkaufsgemeinschaft für Bioprodukte, die für ihre Mitglieder ein sehr kostengünstiges und bequemes Einkaufen ermöglicht. Es gibt noch einen weiteren solchen Laden in Marburg, den Roten Punkt. Beide Einkaufsgemeinschaften müssen Wartelisten für neue Mitglieder führen, denn sie sind sehr gefragt.

    An der Lahn, gegenüber der Mensa, ist eine Fahrradzone eingerichtet worden – und die ca. 300 PKW-Parkplätze unterhalb sind zugunsten einer Uferwiese abgeschafft worden. Diese Nachhaltigkeitsmaßnahmen waren wie so viele anfangs umstritten; mittlerweile werden nur deren Vorteile gesehen.

    Fahrradzone am Lahnhochufer gegenüber der Mensa

    Schließlich zeigte Wolli den Touries die umgestaltete Straße Ketzerbach, die für Fußgänger und Radler sehr viel mehr Platz bekommen hat – und zudem in der Mitte eine Wasserkaskade. Leider ist der Durchgangsverkehr noch immer sehr massiv: 11.000 Kfz täglich. Der gesamte Pendlerverkehr zu den Behring-Werken (ca. 7.000 Beschäftigte) geht – aus Marburgs Stadtgebiet – durch die Ketzerbach. Eine verkehrstechnische Lösung für dieses Nadelöhr ist kaum möglich.

    Die neugestaltete Ketzerbach

    Drei Häuser im oberen Bereich sind Syndikatswohnhäuser geworden. Neben dem Eingang des einen Gebäudes haben die Bewohner ein Regal aufgestellt, das sehr bald zu einem rege besuchten Tauschpunkt für viele Dinge geworden ist. Die Nutzer sorgen auch immer wieder für das Aufräumen der Regalflächen und das Entsorgen von dem, was keiner mehr brauchen kann.

    Tauschregal vor den Syndikatshäusern an der Ketzerbach

    Zum Abschluss der Rundfahrt trafen die Touries pünktlich an der belebten Einmündung der Gutenbergstraße in die Universitätsstraße ein. Dort fand – wie öffentlich angekündigt – eine „Kunstaktion“ statt.

    „Kunstaktion“ an der Einmündung der Gutenbergstraße

    Im Wochenabstand lädt die Marburger Aktivistin Jana Trommer dazu ein. Sie sang, begleitet von ihrem Kollegen auf dem Didgeridoo und assistiert von ihrer Kollegin, die mit weißen Handschuhen gestikulierte. Sie setzten sich auf die Fahrbahn der Gutenbergstraße, präsentierten ihre Kunst und werben damit für den Klimaschutz – gewaltfrei. Leider sind gegen ihre Aktionen mehrfach Strafverfahren eingeleitet worden, in denen sie z. T. zu Geldstrafen verurteilt worden ist. Die Touries interessierten sich für diese Kunstaktion; die anwesende Stadtpolizei nahm dies zur Kenntnis. So verging diese Viertelstunde. Dann war die Aktion beendet, die Fahrbahn stand den Fahrzeugen wieder zur Verfügung und die Touries radelten zurück zum Quartier.

    Im gut bestuhlten zweiten Hallenteil fand wieder eine Abendveranstaltung statt. Vorgestellt von Cordula Weimann wurde ihr Buch „Oma, erzähl mir von der Zukunft“ (19,50 €). Cordula hat 2019 die Bewegung Omas for Future gegründet. Die Generation 50+ hat die Mehrheit in der Wählerschaft (56 %), und diese Mehrheit sollte die engagierte Minderheit der „Fridays for Future“ unterstützen. Die zentrale These richtet sich auf die Zielformulierung: Die meisten (Stadt-)Bürger wünschen sich ein „glückliches Leben“ in ihrer Stadt, mit mehr Aufenthaltsqualität darin und ohne die Umweltbelastung durch Kfz-Verkehr und fossile Energieerzeugung. Wenn sie für diese Ziele sich gemeinsam engagieren, dann werden nachhaltige Klimaziele, die leider weniger Zustimmung erhalten, zugleich angestrebt.

    Cordula Weimann

    Das Buch ist ein Vorlesebuch – für Kinder ab 6 Jahren. Lili und Oma sind die Protagonisten und Flori, der Regenbogenwurm. Für Schulen werden auch in diesem Jahr wieder Vorlese-Omas gesucht. Unterrichtsmaterialien können vom Verein zur Verfügung bzw. der Homepage herunter geladen werden.

    Musikalische Einleitung und Ausklang gab es von Tourorchester und -chor. Und von den Touries: Gesungen wurde der dreistimmige Kanon der Tour: Fahr’n wir mal wieder … .


  • 6. Tag TdN 2026, Donnerstag, 30.07.: Von Gießen nach Marburg (50 km)

    —

    von

    —

    Informationen über die Region

    Durch das in Richtung Marburg zunehmend schmaler werdende Tal der Lahn verläuft die heutige Etappe. Im Westen erhebt sich das Gladenbacher Bergland; der Krofdorfer Forst bildet ein großes Waldgebiet westlich von Lollar.

    Zwischen Gießen und Marburg ist die Bundesstraße B3 – gegen den Widerstand mehrerer Initiativen – „autobahnähnlich“ ausgebaut worden. Insbesondere die Marburger Grünen konnten bislang verhindern, dass dieses Teilstück als „Autobahn“ hochgestuft wird, was die Lärmbelastung für die angrenzenden Dörfer und vor allem das Marburger Stadtgebiet deutlich erhöhen würde, denn die dort mühevoll errungene Geschwindigkeitsbegrenzung auf 100 km/h für PKW und 60 km/h nächtlich für LKW wäre dann kaum mehr begründbar.

    Nördlich der Industriestadt Lollar erhebt sich auf einem Basaltkegel die weithin sichtbar Burg Staufenberg – Teil des gleichnamigen Dorfes. Die Oberburg wurde mehrfach zerstört und diente bis zur Mitte des 19. Jhs als Steinbruch; heute kann die Ruine besichtigt werden. Die Unterburg wurde 1517 erbaut und hatte mehrere feudale Besitzer, was jedoch nicht deren Verfall verhinderte. In der Mitte des 19. Jhs kauften die in Gießen studierenden Prinzen Ludwig und Heinrich von Hessen-Darmstadt die Unterburg und ließen sie schlossartig restaurieren, natürlich nur im Vermögensrahmen ihrer BaföG-Stipendien. Das Land Hessen wurde 1925 Besitzer und verkaufte die Unterburg 2002 an die Privathotels Dr. Lohbeck, die seither darin ein Vier-Sterne-Hotel betreiben, das das Nachfolgende verspricht: „Die Verbindung der historischen und neuen Werte sorgt für einen ganz besonderen Charme.“

    Vor Marburg verengt sich das Lahntal. Im Osten erheben sich die Lahnberge, auf denen in den 1960er Jahren der naturwissenschaftliche Campus und das Universitätsklinikum errichtet worden sind. Die Altstadt von Marburg liegt am Hang des Marburger Rückens, auf dem das weithin sichtbare Landgrafenschloss steht.

    Marburg hat 73.000 Einwohner (davon ca. 20.000 Studierende). Die Altstadt ist tw. für den Autoverkehr gesperrt und beeindruckt durch ihre Fachwerkbauten. Unterhalb der Altstadt liegt der Alte Botanische Garten, dessen nördliche Randbebauung mehrere renovierte Universitätsinstitute sowie den Neubau der Uni-Bibliothek erhalten hat. Auf der gegenüberliegenden Seite ragt die Elisabeth-Kirche mit ihren beiden schlanken Türmen empor; sie gilt als die älteste rein gotische Kirche Deutschlands (Baubeginn 1235).

    Die Philipps-Universität Marburg ist 1527 als erste deutsche protestantische Hochschule gegründet worden – auf Veranlassung des zum Protestantismus konvertierten Landgrafen gleichen Namens. Das am Rande der sog. Oberstadt liegende Ensemble „Alte Universität“ ist ein imposanter neugotischer Bau – aus der Mitte des 19. Jhs. Zwischen Bundesbahntrasse und vierspuriger Stadtautobahn wurde in den 1960er Jahren die Philosophische Fakultät sowie die Uni-Bibliothek errichtet. Die Gebäude gelten schon seit Jahren als baufällig; der UB-Bau ist bereits aufgegeben worden. Besondere Bekanntheit erlangte in den 1960/70er Jahren die Marburger Schule der Politikwissenschaft, zu deren Begründern Prof. Wolfgang Abendroth zählt. Die Theoriebildung bezieht sich explizit auch auf die Grundlagen des Marxismus.

    Bei der Kommunalwahl 2021 schnitten die Grünen als stärkste Partei ab; in der Folgewahl 2026 lagen sie als zweitstärkste Partei hinter der CDU.

    Etappenbericht

    Um 8 Uhr wurde – einem mittlerweile bewährten Ritual folgend – den Touries in der Turnhalle und im Außenbereich zur Kenntnis gebracht, dass „Aufstehen schön“ sei. Dies ist der Refrain des Songs, den Taco über seinen Lautsprecher verteilt, aber auch die Meinung und Stimmungslage seiner Sissi, die in solistischer Modulierung der Melodielinie auch den Langschläfern deutlich macht, was nun zu tun ist.

    Die Tour startete pünktlich zum ersten Infopunkt. Die ersten Bauvorhaben an der geplanten B 49, südwestlich von Reiskirchen, sind bereits begonnen worden, obgleich das Neubauprojekt keine hinreichende Bedarfsbegründung aufweist und zudem für Mehrverkehr in den angrenzenden Dörfern und Städten (insbes. Büdingen) bringen wird.

    Jörg zeigte den Touries im Tal der Jossaler unterhalb von Reiskirchen, welch ein Flächenverbrauch und Biotopschaden durch die hier als Ortsumgehung geführte B 49 neu hervorbringen wird. Mittlerweile werden die Areale für die zuerst errichteten Brückenbauten mit Doppelzäunen umgeben und einer KI-gestützten Videoüberwachung ausgerüstet. Erstaunlicherweise ist es mehrfach vorgekommen, dass die Reptilienschutzwände wieder für die Tiere, insbesondere die sonnenliebenden Eidechsen, wieder durchgängig gemacht wurden.

    Infostopp an der geplanten Ortsumgehung der B 49 neu

    Über die Ausgleichsmaßnahmen berichtete Jörg ebenfalls. Die Eidechsen sollen abgesucht und an einer neuen Standort verbracht werden. Dieser in der Umgebung errichtete „Sandhaufen“ ist allerdings längst überwachsen und zudem durch die bauliche Verschattung des Brückenbauwerks für Eidechsen kaum mehr geeignet. Würden die Eidechsen stattdessen an ein funktionierendes Biotop verbracht, träte dort Populationskonkurrenz auf, was einer Bestandsreduzierung oder gar -vernichtung gleichkäme. Gleiches gilt für die zugesagte Vergrämung von insbesondere Schmetterlingen durch frühe und mehrfache Wiesenmahd. Die damit abgedrängten Insekten müssten sich in jene Biotope begeben, die bereits hinreichend von den dortigen Artgenossen besiedelt sind. Vergrämung sei somit zumeist eine Umschreibung von Vernichtung.

    Unterwegs im noch unbebauten Jossatal

    Am zweiten Infopunkt unterhalb von Lindenstruth schilderte Carmen, die Besitzerin des dortigen Reiterhofs, dass das geplante Trassen- und Brückenbauwerk den Weiterbetrieb ihrer Pferdeweiden kaum mehr möglich mache, weil dieses zwischen dem Hof und den Weiden errichtet werde. Auch hier steht bereits der Hochsicherungsbereich der Baustellenumzäunung.

    Infostopp am geplanten Brückenbauwerk am Reiterhof unterhalb von Lindenstruth

    Weiter ging es dann durch die hochsommerliche Hitze in Richtung Lahntal, was einige Hügel zu beradeln erforderte. Auf dem Daubringer Pass ganz oben endlich angekommen, wurde ich längere Pause eingelegt. Unterwegs konnte im Westen der Blick auf die Burgen Staufenberg und Gleiburg gerichtet werden. Es gibt in dieser Region einige Basaltkegel, die im frühen Mittelalter als Standorte für Burgen genutzt wurden.

    Abfahrt vom Daubringer Pass – mit Blick auf die Burgruine Staufenberg

    Dann ging’s fast nur noch bergab. Vor Staufenberg konnte die Tour über eine erstaunliche Fahrradstraße radeln, kein Autoverkehr, fein asphaltierte Trasse, schöne Talaue. Der Nachbarort liegt bereits an der Lahn, hat eine Bahnstation und heißt Lollar. Im dortigen Kulturbahnhof hatte Wams Küche bereits alles vorbereitet für eine angenehm schattige (37 Grad) und stärkende Mittagspause.

    In Lollar am sog. Schmaadlecker Brunnen fand eine Aktion statt. Dort informierte die Stadtverordnete Jutta Pfaff der Grünen über die örtliche Verkehrspolitik. In Lollar fehlen weitgehend die Radwege bzw. Radfahrstreifen und rote Aufstellflächenflächen an den Kreuzungen. Das ist besonders auch deshalb peinlich, weil Lollar an zwei Radfernwegen liegt: am stark frequentierten Lahnradweg und am Radweg Deutsche Einheit.

    Aktion am Schmaad Lecker Brunnen in Lollar

    Danach begrüßte der Verkehrsdezernent Christian Zuckermann des Landkreises Gießen die Touries und dankte ihnen für ihr Engagement. Als besonders wichtiges Vorhaben bezeichnete er die Reaktivierung der Lumdatalbahn.

    Dann radelten die ca. 130 Touries weiter in Richtung Marburg. Das drohende Gewitter zog weiter östlich vorüber, es kühlte gleichwohl etwas ab, nur die Windböen machten etwas zu schaffen, aber die Tour hatte eher Rückenwind. Interessant war die Befahrung der neu angelegten Fahrradstraße vor Staufenberg: eine außerstädtische Fahrradstraße durch die Auenlandschaft.

    Außerörtliche Fahrradstraße vor Staufenberg

    Am Wasserspielplatz in Niederwalgern wurde eine Pause eingelegt, sehr zur Freude der Tourkinder. Für die Erwachsenen gab es Baumschatten und eine Toilettenanlage bei der Feuerwehr nebendran.

    Wasserspielplatz und außerschulischer Lernort der Mechanik in Niederwalgern

    Die Turnhalle des Gymnasiums Philippinum bot den Touries ein großes Raumangebot, leider aber keine Zeltgelegenheit.

    Am Abend referierte Stefan Schulte von u.a. Climate Hub Marburg zum Thema Vernetzung von Klima-Initiativen. Wolli, auch in Marburg engagiert, ergänzte mit weiteren Informationen. In Marburg sind ungefähr 50 Initiativen mit Klimathemen befasst und über mehrfache Mitgliedschaften von Aktivisten auf der persönlichen Ebene verbunden. Climate Hub bietet zudem einen internetbasierten Rahmen für die Verknüpfung der Initiativen.

    Abendveranstaltung zur Vernetzung von Klimainitiativen in Marburg