Mittwoch, 31. Juli 2019, zwölfter Tag der TdN 2019: Rostock – Bad Sülze (37 km)

 

Für die Strecke nach Bad Sülze benötigte die Tour de Natur einen guten halben Tag. Es ging immer geradeaus auf der Bundesstraße 110 in Richtung Osten. In Sanitz wurde eine längere Pause eingelegt.

Das Tourquartier befindet sich in der kleinen Stadt Bad Sülze und dort in dem schön hergerichteten Ensemble der Bildungsstätte Jambus des Diakonischen Bildungszentrums in Mecklenburg-Vorpommern. Die Recknitz wird hier mit einem Wehr gestaut. Ein an deren Ufer liegendes, schönes, weil mit schattenspendenden Bäumen bestandenes Areal wird als Campinggrund genutzt.

Bildungszentrum Jambus in Bad Sülze

Am Nachmittag fand eine Exkursion in die benachbarte Moorregion statt. Dr. Gerald Jurasinski (Mitarbeiter an der Professur für Landschaftsökologie und Standortkunde, Universität Rostock) und seine Kollegin radelten mit einer großen Gruppe von Tourteilnehmern zunächst in Richtung Tribsee. Von unterwegs konnte unweit der Autobahn ein Blick auf die Ersatzbrücke gerichtet werden, die jenes Teilstück hier vorläufig ersetzt, dass sich vor über zehn Jahren durch Bodenbruch erheblich gesenkt hat. Für die Laien, die gerade die moorige Region hier durchradelt hatten, kein Wunder: dieser Untergrund trägt nicht. Aber seinerzeit machte ein Anbieter den Vorschlag, mit einem schwach gegründeten Dammbauwerk den teureren Brückenbau zu ersparen. Pünktlich, zehn Jahre nach Fertigstellung und damit jenseits der Gewährleistung brach diese Dammstrecke ein. Nun wird die Brückenvariante gebaut – und ein Verantwortlicher für dieses Desaster gesucht.

Dann radelte die Gruppe in das Grenztalmoor hinein. Es handelt sich hier um ein sog. Flusstalmoor, das insbesondere von Wassermengen, die der Fluss Regnitz mitbringt, vernässt wird. Dort wurde im vernässten Bereich ein ca. 1 m langer Kern aus dem Moor gebohrt.

Führung durch das Grenztalmoor


Sehr eindrucksvoll: Hier blickten die Tourteilnehmer auf die Klimageschichte von fast 1.000 Jahren, denn das Moor wächst um ca. 1 mm pro Jahr.

Abends fand in der Scheune des liebevoll eingerichteten Salzmuseums von Bad Sülze eine Vortragsveranstaltung zum Thema „Kein prima Klima: Wiedervernässung der Moore?“. Nicht nur viele Tourteilnehmer, sondern auch Interessenten aus der Region füllten die Scheune.

Es gab viele Informationen von Gerald Jurazinski zum Klimawandel und zum Einfluss der Moore auf diesen Trend. Erstaunlich: 95 % der Moore in Mecklenburg-Vorpommern sind entwässert; in diesen Moorflächen werden mehr als 30 % der Treibhausgase des Landes freigesetzt. Denn in den Mooren wird und bleibt Kohlenstoff gebunden. Und wenn nach Ableitung des Wassers Sauerstoff an die verbliebenen Moorpartikel gerät, dann findet eine Fortsetzung des Materialabbaus statt, bei dem Kohlendioxid entsteht und in die Atmosphäre abgegeben wird. Das ist ein sehr ernstes Problem und das zentrale Argument für die Wiedervernässung.

Allerdings entsteht beim Abbau von erneut aufgewachsenen Moorflechten – wie in jeder sauerstoffabgeschirmten Biogasanlage – Methan, das ebenfalls klimaschädlich ist. Neuere Forschung lässt vermuten, dass dieser ungünstige Nebeneffekt der Wiedervernässung („Methan-Peak“) zeitlich recht eng befristet ist und sich nach einem Jahr schon deutlich verringert.

Eine Zwischenlösung könnte „Paludikultur im Moor“ sein. Das ist die torferhaltende Bewirtschaftung von vernässten Moorflächen (z. B. Schilfernte zur Produktion von Dämmmaterial), die für vielleicht 30 Jahre andauern kann, bis dann eine definitive Wiedervernässung hergestellt werden kann, was diese Flächen zu Naturschutzgebieten werden ließe. Landwirte übernähmen damit gesellschaftlich für höchst wichtig eingestufte Klimaschutzaufgaben, für die Subventionen gezahlt werden müssten. Davon ist die Zielrichtung der EU-Förderung allerdings noch sehr weit entfernt.

Ein weiteres Problem besteht darin, dass fast alle wiedervernässten Moorflächen im öffentlichen Grundbesitz oder in dem von Stiftungen sich befinden. Der weitaus größte Teil der Moorflächen in Deutschland gehört Privatpersonen, die diese zumeist agrarisch bewirtschaften. Diese Flächen müssten für die Wiedervernässung von öffentlicher Hand gekauft werden. Und/oder deren konventionelle agrarische Bewirtschaftung müsste so unattraktiv gemacht werden, das auch diese Landbesitzer zu – geförderten – Landschaftspflegern werden. Für die Reduzierung der CO2-Emissionen brächte umfassende Moorvernässung einen riesigen Effekt, der weit über dem liegt, was von verkehrsbezogenen Reduzierungsstrategien zu erwarten ist. Aber hier begegnen wir einen anderen Merkmal unser Gesellschaft, die eine feudale Vergangenheit hat: unser Land ist seit dem Mittelalter in persönlichen Besitz genommen worden, auch unsere Wälder und Moore. In unserem Grundgesetz steht bereits der Lösungsansatz: Eigentum verpflichtet!

Zum Abschluss dieses Abends zeigte das Museum noch den Film „Vorpommersche Waldlandschaft“, der die Schönheiten der hiesigen Fauna und Flora ebenso zeigte wie die Landschaften zwischen Rügen und der Recknitz.