Montag, 29. Juli 2019, zehnter Tag der TdN 2019: Wismar – Bastorf (43 km)

 

Nach guter Nacht im Dorf Zierow brach die Tour de Natur zunächst in das Hafengebiet von Wismar auf, vorbei an der riesigen Schiffbauhalle der MV-Werft, in der Kreuzfahrtschiffe gebaut werden. Was unter ökologischen Gesichtspunkten von diesen beliebten Urlaubsreisen zu halten ist, wird von vielen Menschen ignoriert. Im Gegenteil: diese Branche boomt nach wie vor.

Zumindest einige technische Errungenschaften müssten endlich auch für diesen Schiffbau genutzt werden, insbesondere der Verzicht auf schwerölbefeuerte Motoren. Diese haben einen extrem hohen Schadstoffausstoß, der auch während der Liegezeiten in die Hafenstädte eingeblasen wird. Landstromversorgung wäre eigentlich ein Muss, aber darauf verzichten viele Hafenstädte, um mit niedrigen Liegekosten die Kreuzfahrer in ihre Häfen zu locken.

Ob die zumeist sehr essfreudigen Kreuzfahrer wissen, dass sie unterwegs auf dem Schiffsdeck einer starken Rußbelastung vom Schornstein ihres ,Dampfers‘ ausgesetzt sind, die sie von ihrem Nachbarn niemals akzeptieren würden? Und ob sie wissen möchten, dass die großen Mengen von Nahrungsmitteln, die sie trotz oben vierfachtäglicher Esslaune nicht verzehren, vernichtet werden? Aber Reisen bildet ja bekanntlich, und so ist es vielleicht doch nur ein Frage der Zeit, bis diese Umweltbildung ihre entscheidungsrelevante Wirkung entfaltet.

Ein Dampfer auf Kreuzfahrt (Foto: NABU)

Auch die Küstenregion hier im nordwestlichen Mecklenburg ist hügelig, immer wieder von Gehölzstreifen gegliedert; viele kleine Waldungen lassen die starke landwirtschaftliche Nutzung weniger stark hervortreten.

Die Tour de Natur an den ,Steigungen‘ der Küstenstraße

Erstaunlich war auch, dass sich Teile der umliegenden Natur ganz auf eines der Kernthemen der Tour de Natur eingestellt hatten. So bewies ein Sonnenblumenfeld eindrucksvolle Solidarität.

Anti-Atom-Demonstrationen jetzt auch von Sonnenblumenfeldern

Die Mittagspause fand auf einer recht sonnigen Wiese unterhalb der Stover Mühle statt. Hier steht tatsächlich eine geradezu liebevoll restaurierte Holländermühle, deren Innenraum besichtigt werden konnte. Windkraft wurde in dieser Region schon seit Jahrhunderten genutzt.  1750 wurde erstmalig eine Bockwindmühle für diesen Standort erwähnt, 1889 wurde an deren Stelle die Holländermühle errichtet. Weitere neun Mühlen standen auf nahegelegenen Hügeln, also an sehr exponierten, d. h. sehr gut sichtbaren Orten. Solch eine Windmühle kommt uns heute anheimelnd vor – im Gegensatz zu den oftmals als mehr oder weniger störend empfundenen Windkraftmasten und -rotoren.

Man könnte sich ja beim Dahinradeln oder -wandern auch folgende Frage fürs Nachsinnen stellen: Welche ästhetischen Kategorien und Prägungen bestimmen eigentlich unser Empfinden von Landschaftsschönheit bzw. von deren Beeinträchtigung? Und wie steht es mit der Historizität von Landschaftsästhetik: Empfanden unsere Vorfahren diese Bock- und Holländerwindmühlen als störende Bauwerke inmitten der Feldmark? Werden wir uns irgendwann einmal so an die Windkraftanlagen im ländlichen Bereich gewöhnt haben, dass wir sie nicht anders beurteilen als Hochspannungsmasten, Hochsilos, Logistikhallen oder gar Kirchtürme?

Stover Mühle

Auf der Landstraße ging es weiter mit Blick auf die Insel Wustrow und das vorgelagerte Salzhaff. Dieser Route folgt auch der Ostseeradweg. In der Nähe des Dorfes Roggow wurde Station gemacht und Räder in der Nähe der Landstraße abgestellt. Dann machten sich viele Tourteilnehmer auf zu einem Bad – nicht ganz in der Ostsee, sondern im Salzhaff.

Der Weg führte durch eine Waldung, die überwiegend von Pappeln bestanden ist, was recht selten anzutreffen ist. Über einen schmalen Sandstreifen konnten die Touries in das warme Haffwasser laufen, um die zunehmende Gewissheit zu erlangen, dass Schwimmtiefe wohl nur nach einer längeren Wanderung zu erreichen sein würde. Also: statt Schwimmen gab es Krabbeln in einer etwas trüben und niedrigprozentigen Salzsole, gewissermaßen also eine homöopathische Anwendung im Rahmen einer Badekur.

Nachtquartier bot eine große Veranstaltungshalle und ein ganzer Fußballplatz in Bastorf.

Quartier in Bastorf

Am Abend fand das zweite Plenum statt, als Information für später Hinzugekommene und als Diskussion über den bisherigen Verlauf der Tour. Etwas kursios vielleicht doch, aber tatsächlich war eines der Top-Themen die Bestimmung jener Uhrzeit, zu der denn das Wecken stattfinden soll. Viele organisatorische Argumente sprechen dafür, dies eher früher, d.h. noch deutlich vor 8 Uhr stattfinden zu lassen. Aber nicht wenige Tourteilnehmer wünschen einen langen Morgenschlaf, ohne das Rascheln der einpackenden Nachbarn.

Und dann gab es eine wunderbare Unterbrechung des Plenums. Begrüßt wurde Elisabeth aus Beusdorf. Sie schilderte, dass sie an diesem Tag mit dem PKW unterwegs war und wegen der Tourdurchfahrt anhalten musste und sich diese bunte Gruppe anschaute und deren Song („Mobil ohne – ohne Auto mobil“) hörte. Ein Flyer wurde ihr durch das offene Verdeck ins Auto geworfen. Über die Homepage konnte sie später herausfinden, dass die Tour in der Nähe ihres Dorfer Station macht. Und diese Menschen wollte sie besuchen und begrüßen und ihnen eine kleine Erfrischung mitbringen. Mit großem Beifall wurden nicht nur Elisabeth, sondern auch mehrere Kisten kühles Bier und Limonaden willkommen geheißen.

Ein spontaner Gast bei der Tour de Natur