Mittwoch, 24. Juli 2019, fünfter Tag der TdN 2019: Workshoptag in Hitzacker

Das Frühstück heute: im Schatten bei 23 Grad! Hochsommer also, ideal für die Zeltschläfer, wenn sie einen Schattenplatz gewählt hatten (genug davon auf dem weitläufigen Gelände der Waldorfschule vorhanden), und in den diversen, zu Schlaf- umgewidmeten Klassenräumen der Schule war es auch nicht zu warm.

 

(Zelt)Übernachtungsplätze auf dem Gelände der Waldorfschule

Am Vormittag führte die Tour de Natur eine Kundgebung auf dem Marktplatz in Hitzacker durch – mit einer Thematik, die hier unvermeidlich ist, weil in direkter Nachbarschaft verursacht. Atomkraftwirtschaft und Entsorgung von Atommüll: Gorleben lässt grüßen! Viele Widerstandsaktionen sind seinerzeit von Hitzacker aus gestartet worden.

In ihrer Ansprache begrüßte Jutta von der Bürgerinitiative „Widersetzen“ die Teilnehmer von der Tour de Natur und freute sich über deren Unterstützung.

Die Theatergruppe der Tour de Natur führte dann von ihr verfasste und schon mehrfach an anderen Standorten der deutschen Atomindustrie (z. B. im Duisburger Hafen, am AKW Philippsburg, in Wyhl) gezeigte Stück auf.

Anschließend standen drei Exkursionen zur Auswahl: (a) Exkursion nach Harlingen zur Blockadestrecke für Castoren-Transporte der Bahn; (b) Alternativer Stadtrundgang durch Hitzacker; (c) Führung durch das „Hitzacker-Dorf“.

Eine große Gruppe radelte radelte zu dem im Entstehen befindlichen „Dorf“ in Hitzacker. Unweit der Waldorfschule, leider direkt neben einem nicht unbeträchtlich geräuschemittierenden Zerspanungsbetrieb, aber schön an einem sanften Südhang gelegen und an Felder angrenzend, entsteht – auf dem Stadtgebiet von Hitzacker – ein veritables Dorf. In der Rechtsform einer Genossenschaft haben sich hier zweihundert Menschen zusammengeschlossen, um entlang einer noch zu bauenden Dorfstraße Wohnhäuser zu errichten, ein Gemeinschaftshaus (mit Mensa) sowie darin auch Kleingewerbebetriebe anzusiedeln.

Rita Lassen führte die sehr interessierten, zum Teil selbst in Wohnprojekten unterschiedlicher Art lebenden Tourteilnehmer über das Gelände und durch den Rohbau eines Wohnhauses, in dem Genossenschaftler Matthias Metze am Innenausbau arbeitet, dessen ökologische Merkmale er gern erläuterte.

Führung über das Bauareal des ökologischen „Hitzacker-Dorfes“

Das Projekt wird als „sozial-ökologisches Dorf“ seit mehreren Jahren geplant und soll über mehrere Bauphasen in einem Gesamtzeitraum von acht Jahren realisiert worden sein. Drei Gruppen, insgesamt ca. 300 Menschen, sollen hier gemeinsam wohnen, leben und arbeiten: (a) ältere Menschen, (b) Familien mit Kindern und (c) Flüchtlinge.

Das Gesamtvorhaben wird 15 Mill. Euro kosten, die von der Genossenschaft geliehen und zurückgezahlt werden: von den Genossenschaftlern (Einstieg: 500 Euro; Einlage z. B. für eine 60 qm-Wohnung: 22.000 Euro, späterhin monatliche Miete: kalt netto 360 Euro). Kreditgeber ist indirekt die KfW; betreuende Bank ist die GLS (Gemeinnützige Leih- und Schenkbank in Bochum; die Tour de Natur besuchte diese bereits), die ein sehr förderliches thematisches Interesse an diesem sozialen Vorhaben zeigt.

Die Gebäude werden nach anspruchsvollen bauökologischen Standards und dennoch relativ preisgünstig (1400 Euro Baukosten pro qm bei KW40) errichtet, weil ca. 13 % der Kosten als Eigenarbeit eingebracht werden (müssen), wobei hier alle Arbeiten gemeint sind, so also auch die Verköstigung der Bauarbeiter u.v.a.m.. Weitere Interessenten sind willkommen und integrieren sich durch eine mindestens einwöchige Mitarbeit in die Gemeinschaft – oder merken, dass sie etwas anderes suchen und steigen somit wieder aus.

Besichtigung des Innenausbaus eines ökologischen Wohnhauses

In einer so großen Gruppe, die so viele Aufgaben zu bewältigen hat, fallen viele Entscheidungen an, von denen manche konflikthaft sind. Die Genossenschaft hat sich die „Soziokratie“ als Modell zur Konsensfindung verordnet und damit unterschiedliche Entscheidungsgremien (Einstimmigkeit bei ggf. Enthaltungen auf der Jahresgeneralversammlung für die grundlegenden Entscheidungen; Beiräte für die Entscheidungen im laufenden Geschäft; Arbeitsgruppen für die Entscheidungsfindung in vielen Einzelbereichen (z. B. Gestaltung von Gartenflächen, Dorfbeleuchtung).

Am Nachmittag dieses heißen Tages fanden auf dem Schulcampus mehrere Workshops statt: (a) Don’t Nuke the Climate! Atomkraft im Klimakontakt international, mit Kerstin Rudek; (b) Standortwahl für ein atomares Endlage, mit Martin Donnt; (c) Geologie und Lagerkonzepte, mit Egbert de Beyer; (d) Plakat für die Tour de Natur; (e) Flöten-Workshop: Erarbeitung von Tanzmusik von Barock bis zu „17 Hippies“, mit Erich; (f) Samba-Bell-Workshop, mit Jürgen; (g) Paroli: LebenLiebenLieder; (h) Einführung in die einfühlsame Kommunikation, mit Marc; (i) Orchesterprobe.

An diesem wunderbar warmen Sommerabend gab Sascha (Salossi) vor dem Aulagebäude der Schule ein Konzert mit Songs, die er z.T. auch mit Klaus dem Geiger gebracht hat. Beide sind schon mehrfach als künstlerische Gäste auf der Tour de Natur aufgetreten. Die Stimmung war bestens!

Songabend mit Sascha