Montag, 22. Juli 2019, dritter Tag der TdN 2019: Von Fünfhausen nach Lüneburg (57 km)

 

Bei warmem Sommerwetter startete die Tour de Natur in Richtung Nordosten und durchquerte dabei Vierlande, eine durch recht aufwändige Entwässerungseinrichtungen zur landwirtschaftlichen Nutzung gebrachte frühere Auenlandschaft der damals mäandernden und das Flussbett immer wieder verändernden Elbe. Auf dem Marktplatz von Bergedorf, dessen moderne Bebauung mit Einkaufszentrum und auf S-Bahnsteig hochgelegtem Busbahnhof, so gar nicht ,dörflich‘ wirkt, gab es eine erste Pause.

Die Tour de Natur pausiert in Bergedorf

Weiter geradelt wurde dann nach Geesthacht, einer Stadt am Elbhang. Für das Durchfahren der Innenstadt gab es keine Genehmigung der Ortspolizei. So entschlossen sich etliche Tourteilnehmer, eine private Exkursion zu unternehmen und radelten wie eine Critical-Mass-Aktion durch die wenig imposante Innenstadt, um dann mit den anderen Tourteilnehmern wieder zusammenzutreffen.

Die B 5 führt – ebenso wie die B 404 – durch das Stadtgebiet und bringt für die Anwohner eine hohe Lärmbelastung und führt zu einem hohen Verkehrsaufkommen, das die innerstädtische Mobilität belastet. Die geplante autobahnähnlich konzipierte Ortsumgehung würde beide Probleme lösen und ca. 125 Mill. Euro kosten – für 10 km Straßenbau. Der Landschaftsverbrauch in dieser schönen Talhangregion wäre beträchtlich. Die Tourteilnehmer standen auf einem Feldstück mit Blick auf den Elbhang. Wenig schön, wenn hier eine verbreiterte Bundesstraßentrasse entlanggeführt würde; kaum vorstellbar jedoch, dass ein großes Autobahnkreuz in diese landschaftliche Situation hineingebaut würde. Das aber ist die Folgeplanung: Die A 25 soll hier den Elbhang queren (Betonbrücke und Ständerung) und mit der Bundesstraße über ein sog. Kleeblatt verbunden werden.

Zur Abwehr dieser Verkehrsplanungen arbeiten BUND und ADFC zusammen. Ihre Vertreter warben auf der Veranstaltung auch für die Alternative zu dieser ökologisch nicht mehr zu rechtfertigenden Verkehrspolitik. In einer Machbarkeitsstudie soll endlich, nach vielfachen Anmahnungen, geprüft werden, wie die bereits vorhandene, aber stillgelegte Bahntrasse zu einer Bahnanbindung von Geesthacht (immerhin eine Stadt mit 30.000 Einwohnern) an Bergedorf und damit an das Hamburgische Schienennetz ausgebaut werden könnte. Diese Forderung kann die Tour de Natur selbstverständlich unterstützen: Verbesserung des ÖPNV statt Ausbau des Autoverkehrs! Für Geesthacht soll auf die Umgehungsstraße verzichtet und stattdessen eine verkehrsberuhigte Bundesstraßenführung im Stadtgebiet realisiert werden. Peter brachte in seinem anschließenden Lied den umfassenden Zusammenhang zum Ausdruck: Unsere Erde braucht nachhaltige Entwicklung, um für die Menschheit bewohnbar zu bleiben.

Protestveranstaltung gegen die geplanten B5-Umgehungsstraße und die A25-Querung

Die Mittagspause fand an der Fischtreppe am Elbstauwehr südlich von Geesthacht statt. Bettina und Gerhard Boll informierten hier über die verfehlte Energiepolitik in dieser Umgebung. Das Elbwehr könnte mit einem Laufwasserkraftwerk ausgerüstet werden, was der Vattenfallkonzern, der dafür die Wassernutzungsrechte hat, jedoch nicht angehen will, obgleich in absehbarer Zeit die Wehrblätter eh zu sanieren sein werden.

Von großem umweltpolitischen Interesse ist auch das von Vattenfall übernommene und betriebene, in der Nähe befindliche Pumpspeicherwerk, dessen Speicherkapazität im Stromnetz erstaunlicherweise kaum genutzt wird, weil die Durchleitungskosten relativ hoch sind. Das klingt wie energiepolitischer Irrsinn, soll aber ein zentrales Problem sein, das mit den Netzbetreiberkonzernen entstanden ist.

Die von den Tourteilnehmern bestaunte, sehr groß ausgeführte Fischtreppe ist übrigens von Vattenfall gebaut worden. Diese beeindruckende Naturschutzmaßnahme hat folgende Veranlassung: Für die Genehmigung des Kohlekraftwerks Moorburg im Hamburger Hafen war eine umweltschützende „Minderungsmaßnahme“ zu finanzieren; hier bei Geesthacht ist dies umgesetzt worden.

Fischtreppe am Elbwehr südlich von Geesthacht


Unterwegs mit der Tour de Natur in den Elbmarschen

Das Atomkraftwerk Krümmel war von weitem schon zu sehen. Nun radelte die Tour de Natur dorthin, in das Dorf Tespe, das auf der gegenüberliegenden Elbseite liegt. Vom Elbdeich aus blickt man auf das seit der Katastrophe von Fukushima 2011 stillgelegte Atomkraftwerk, das zurückgebaut werden soll. Bettina Boll vom „Atom-Widerstand(s-Nest) Geesthacht“ ist Vertreterin der Grünen im Stadtparlament Geesthacht und wies auf zwei andere, auf dem Kraftwerksgelände befindliche bzw. derzeit errichtete Zwischenlager hin. Gegen diese atomaren Strahlungsquellen richten sich mittlerweile die Hauptaktivitäten der Anti-AKW-Bewegung.

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Bettina Boll informiert über den Rückbau des AKW Krümmel sowie über die problematischen Zwischenlager(bauforhaben) auf dem AKW-Gelände

Im Bundesland Schleswig-Holstein sind drei baugleiche Zwischenlager errichtet worden, in Krümmel, Brokdorf und in Brunsbüttel. Die Errichtungsgenehmigung für den Standort Brunsbüttel ist erfolgreich und mit großen Kosten von den dortigen Bürgerinitiativen beklagt worden. Schwer verständlich, dass dieses Urteil nicht auf die beiden anderen Standorte anwendbar ist, sondern dass dafür wiederum ein aufwändiges Klageverfahren durchgehalten werden müsste, was der hiesigen Initiative nicht leistbar ist. Die Zwischenlager sind notwendig für den Rückbau, um schwach- bis hochradioaktive Bauteile bis zu deren nach wie vor in Deutschland ungeklärter Endlagerung.

Infostopp am Atomkraftwerk Krümmel

Viele Tourteilnehmer radelten abends nochmals in die Altstadt von Lüneburg, um im schönen Ambiente des Glockenhauses an einer Informations- und Diskussionsveranstaltung des VCD teilzunehmen. Thema: „Wie entwickelt sich die Mobilität in Stadt und Landkreis Lüneburg?“ Hans-Christian Friedrichs ist Vorstandsvorsitzender des VCD Niedersachsen und leitete zusammen mit seiner Frau Anja die Veranstaltung, die gut besucht war.

Die Hansestadt Lüneburg war durch Sebastian Heilmann vertreten, der in der Stadtverwaltung für Radverkehrs- und tw. auch für ÖPNV-Planung zuständig ist. Er erläuterte zunächst den von der Stadt ausgearbeiteten „Radverkehrsplan 2020“. Lüneburg strebt mit Investitionen von 22 Euro pro Einwohner an, eine Spitzenposition unter den Städten Deutschlands einzunehmen. Im Modal Split soll der Radverkehr 30% erreichen, was ein sehr anspruchsvolles Ziel darstellt.

Es sind diverse interessante Planungsvorhaben vorhanden, deren Umsetzung allerdings an politische und somit auch an finanzielle Entscheidungen gebunden sind. Ohne großen Finanzaufwand, aber mit erheblicher Attraktivitätsförderung für den Radverkehr verbunden, ist die Beseitigung von Radverkehrshindernissen in der Stadt. Eine detaillierte Auflistung ist von Studierenden der Universität im Rahmen von Studienleistungen vorgelegt worden, die nun von der Verwaltung abgearbeitet wird. Sehr viel aufwändiger zu realisieren ist der für zwei Standorte geplante Ampelkreuzungsumbau nach niederländischem Vorbild, der die extrem gefährlichen Rechtsabbiegerunfälle verhindern soll.

Veranstaltungen wie diese sind sicherlich notwendig, um die Planungsverantwortlichen der Städte in Kooperation mit den Radfahraktivisten, unter denen sich nicht wenige exzellente Fachexperten befinden, zu bringen und zu halten. Zudem wird Öffentlichkeit für das Planungsgeschehen hergestellt. Fortschritte einer nachhaltigen Verkehrsplanung sind feststellbar und werden, jedenfalls hier in Lüneburg, zunehmend größer. Gleichwohl: Um die Klimaziele auch durch eine nachhaltige Verkehrspolitik erreichbar zu machen, muss unausweichlich der PKW- und LKW-Verkehr massiv reduziert werden, auch dessen Finanzierung, was zugleich bedeutet, dass massivst in die Entwicklung des Radverkehrs und des ÖPNV investiert werden muss.

Abendveranstaltung des VCD zur regionalen Radverkehrsplanung im Glockenhaus in Lüneburg