Samstag, 04.08.2018: Fünfzehnter Tag der Tour de Natur – Aktionstag und Abschluss in Leipzig

Am Vormittag radelte die Tour de Natur zur bekannten Karl-Liebknecht-Straße und machte Halt für eine Kundgebung gegenüber vom Gewerkschaftshaus. Hier spielte das Tour de Natur-Orchester und die Theatergruppe zeigte mit einer inszenierten Gerichtsverhandlung, wie partikular die Interessen der Befürworter des Braunkohlentagebaus sind. 

Transparente auf der Kundgebung vor dem Gewerkschaftshaus in Leipzig (Foto von live-portraits, kassel)

 

Das Tour de Natur-Orchester spielt auf (Foto von live-portraits, kassel)

 

Danach sprach eine Aktivistin aus Kolumbien, die eindrucksvoll schilderte, wie sehr der dortige Steinkohlenbergbau mit Umweltschädigung und Unterdrückung sowie Ausbeutung der Bevölkerung verknüpft ist. Seit 2016 sind allein 400 Fälle zu beklagen, in denen Menschen, die Widerstand leisteten, verschleppt oder ermordet worden sind. Dazu sollte man wissen, dass die Bundesrepublik Deutschland der zweitgrößte Importeur kolumbianischer Steinkohle ist.

 

 

Eine Aktivistin aus Kolumbien berichtet über die dortige mit der Kohleförderung einhergehende Ausbeutung, Schädigung und Unterdrückung der Bevölkerung (Foto von live-portraits, kassel)

 

Vom Bündnis „Pödelwitz soll bleiben“! wurde ein Überblick über die anstehenden Aktivitäten des Klima-Camps gegeben. So wird an diesem Tag eine Fahrraddemonstration in der dortigen Region stattfinden. Eine Sitzblockade zum Thema „Kohle ersetzen“ wird geplant sowie mehrere Kleingruppenaktionen.

Dann radelte die Tour in Richtung Leipziger Innenstadt und formierte sich am Stadtring zu einer eindrucksvollen Fahrraddemonstration, die über den Ring führte und am Augustusplatz endete. Hier fand eine weitere Kundgebung statt, in der das Programm der ersten Kundgebung nochmals geboten wurde.

 

 

Kundgebung am Augustusplatz in Leipzig

 

Am Augustusplatz ist auch die Leipziger Strombörse stationiert. Für die Energiewende ist diese Einrichtung von kaum zu unterschätzender Bedeutung, da die Stromerzeuger hier konkurrierend anbieten müssen und somit die früheren regionalen Monopolstrukturen nicht mehr möglich sind. Unklar ist, ob marktwirtschaftliche Konkurrenz tatsächlich realisiert wird. So könnten Preisabsprachen der großen Anbieter das Preisniveau erhöhen. Zudem könnten Spekulanten auf Stromverknappung und damit überhöhte Preise setzen.

Die Mittagspause fand mitten in der Stadt auf dem Gelände der „Kleinen Stadtfarm“ statt. Hier gibt es ein schattiges, unbebautes Grundstück, auf dem Haustiere gehalten werden und Spielgelegenheiten für Kinder bestehen – eine andere Welt in dieser dicht bebauten Stadtregion. Fläming Kitchen versorgte mit leckerem Essen. Leider muss der Platz demnächst geräumt werden, da hier – wie könnte es anders sein – Bautätigkeit entstehen soll. Die von der Stadt angebotenen Platzalternativen sind für die Farm allesamt viel zu klein. Es wäre sehr schade, wenn diese kleine Oase in urbaner Umgebung verschwinden müsste.

 

 

Kleine Stadtfarm in Leipzig

 

Für den Nachmittag standen drei Exkursionen zur Wahl. Die erste Gruppe führte Rüdiger zu Orten, an denen während des Zweiten Weltkriegs Zwangsarbeiter in Leipziger Industriebetrieben eingesetzt wurden. Diese Personengruppe bestand anfangs aus angeworbenen Arbeitskräften insbesondere aus Polen, wurde dann aber als Außenstation eines Konzentrationslagers geführt, in dem politische Häftlinge, Homosexuelle und Mitglieder bestimmter ethnischer Gruppen (insbesondere Sinti und Roma) interniert waren. Hinzu kamen Kriegsgefangene aus den besetzten Gebieten sowie von dort verschleppte Zivilpersonen. Aufgrund von Arbeitskräftemangel (männliche Deutsche waren überwiegend im Wehrmachtseinsatz) waren viele Betriebe am Einsatz der Zwangsarbeiter interessiert. Großbetriebe bauten KZ-Anlagen nahe der Betriebsanlagen, in Nachbarschaft von Wohnsiedlungen der deutschen Arbeitskräfte, wie dies hier in Leipzig am Beispiel der einstmaligen HASAG (Hugo Schneider Aktiengesellschaft) noch nachvollziehbar ist. Neben dem einstmaligen Verwaltungsgebäude ist im ehemaligen Pförtnerhaus ein kleines Museum eingerichtet worden. Dessen Mitarbeiter versuchen, Überlebende zu finden und zu befragen und Dokumente über dieses in Deutschland über Jahrzehnte kaum beachtete Unrecht zu zeigen. Der Inhaber der HASAG erkannte im Zweiten Weltkrieg schnell, dass Leuchten-Produktion weniger gewinnträchtig ist als Rüstungsproduktion. So stellte er seine Firma um: Hergestellt wurden fortan Handgranaten und die sog. Panzerfaust entwickelt. Nach der Besetzung bzw. der Befreiung Leipzig durch die US-Amerikanischen Truppen 1945 war der Firmeninhaber verschwunden und soll bis heute nicht ,gefunden‘, d. h., nicht zur Rechenschaft gezogen worden sein.

 

 

Gedenktafel an Zwangsarbeit in Leipziger Industriebetrieben während des Nazi-Diktatur

 

Die zweite Exkursion führte Frank zu Wohnprojekten in Leipzig. Eingeladen waren die ca. zwanzig Touries in die Baukooperative „SchönerHausen“, in der ca. 60 Erwachsene und 50 Kinder leben. Die geschäftliche Basis bildet ein sog. Mietshaus-Syndikat, das vor fünf Jahren diesen ca. einhundert Jahre alten Gründerzeitwohnblock gekauft hat. Jedes der vier Häuser bildet eine Haus-WG, in der es Gemeinschaftsräume und Zimmer gibt. Hier wohnen mehrere Generationen zusammen: Berufstätige, Rentner und Studierende und natürlich auch Kinder. Nach außen hin werden Angebote gemacht wie Küfa (Küche für Alle) und Kultur- bzw. Musikveranstaltungen. 

 

 

Wohnprojekt „SchönerHausen“ – vor und nach der Sanierung

 

In Leipzig gibt es zahlreiche Wohnprojekte und Wagenplätze. In dieser gerade für junge Menschen attraktiven Großstadt entstehen immer mehr alternative Wohnformen. 

 

Die dritte Exkursion hatte folgendes Thema: Abrissparty beim Westwerk. Das sog. Westwerk liegt im Stadtteil Plagwitz und wurde insbesondere von Künstlern genutzt – für ihre Arbeit und für Ausstellungen. Nun soll die Halle abgerissen werden (für einen Supermarkt und Parkplätze), und die Projekte sollen aus dem Gebäude ausziehen. Einige Musiker spielten auf, es gab Kinderspiele und am heutigen Abend soll eine große Solidaritätsveranstaltung zum Erhalt der Kultureinrichtung stattfinden.

Um 17 Uhr trafen die Touries wieder im Quartier ein. Der letzte Tourabend brachte ein fröhliches Konzert der Gruppe „Musik unter Torbögen“, die sich in Erfurt gründete und heute aus Leipzig kommt. Mit ihrer musikalischen Unterstützung konnte auch den beiden Geburtstagskindern gratuliert werden: Ivo und Johannes. So ging es munter durch den herrliche warmen Sommerabend.

Am Sonntag Vormittag hieß es dann, alles einpacken, Halle räumen und säubern, sich voneinander verabschieden und heimwärts fahren. Besonderen Aufwand muss für die Lastenräder und -anhänger getrieben werden, die zum überwiegenden Teil geliehen sind und wieder an die Standorte zurücktransportiert werden müssen. Dies geschieht mit Regionalzügen, deren Stellplätze nicht gebucht werden können.

Diese Tour de Natur hat diesmal ein verkehrspolitisches Experiment durchgeführt. Es ist möglich, all die vielen Dinge, die unbedingt für die Tourausstattung (Materialien, Instrumente, Werkzeug, Transparente, Apotheke und vieles andere mehr) erforderlich sind, per Rad zu transportieren. Und es gelang sogar, alle wichtigen Hilfedienste auf Rädern zu installieren. So gab es einen leider häufiger beanspruchten Lastenanhänger für defekte oder kurzfristig nicht benutzte Räder und mehrere Pino-Tandems, auf denen aufgrund von Blessuren oder Unwohlsein nicht mehr selbst radelfähige Tourmitglieder in liegender Frontposition befördert werden können.

Wie viele Lastenräder waren im Einsatz? Drei Carla Cargo-Lastenanhänger, ein offenes Großkastenlastenrad, ein geschlossenes Tender-Großkastenlastrad, ein Transportanhänger für Räder, ein zweirädriges Lastenrad, zwei Tandems.

Die Küche benötigt viele schwere Gegenstände (Gasflaschen, Kocher, Großküchengeräte, Geschirr und Vorräte. Wie dies alles auf Rädern transportiert werden kann, ist eine offene Frage. Derzeit sind zwei dieselbetriebene Kleintransporter und ein Küchenanhänger im Einsatz.

All dies will bedacht und geplant sein – ein riesiger Aufwand, der sich nun zu einer verkehrs- und umweltpolitischen Schlussfolgerung zusammenfassen lässt. Umweltschonendes Reisen ist auch in Großgruppen möglich, wenn, mit Ausnahme der Küche, Fahrräder benutzt werden. Und das bedeutet für den kleinen Maßstab: Auch über größere inner- oder zwischenstädtische Distanzen ist das Fahrrad ein für viele Zwecke angemessenes Verkehrsmittel. Dass Fahrräder keine Verbrennungsmotoren benötigen und deren Emissionen somit vermeiden, dass die Lärmbelastung gegen Null geht, dass relativ wenig Verkehrsfläche beansprucht wird und zudem ein gesundheitlicher Vorteil generiert wird, all das wird heute von fast allen Menschen und politischen Parteien so gesehen. Nun heißt es, die Konsequenzen dieser Einsicht zu ziehen.

Die Tour de Natur 2018 hat in diesem Jahr ein ganz besonderes Zeichen gesetzt. Es stimmt nun tatsächlich, was immer wieder bei Stadtdurchfahrten skandiert wird: „Mobil ohne, wir sind ohne, ohne Auto mobil!“ Es geht voran und es geht weiter im nächsten Jahr mit der Tour de Natur 2019!

 

 

Sky Bike Ride auf dem Hauptcampus der Universität Göttingen

Kommentare

Tour 2018

Liebe Touris,

ein vielfaches Hoch auf alle LastenradvisionärInnen, die unbeirrbar daran glaubten, dass der Tourbus ersetzbar ist und alles daran setzten, die Vision  wahr zu machen. Ihr könnt super stolz auf Euch sein, tolle Innovation !!!

Und herzlichen Dank an den Blogger auch für die aussagestarken Bilder!