Freitag, 03.08.2018: Vierzehnter Tag der Tour de Natur – von Pödelwitz nach Leipzig (40 km)

Wie frühstücken mehr als tausend Menschen auf einer Wiese, wenn sie die Sorge für eine lebenswerte Zukunft zusammenbringt? Im Klima-Camp ergaben sich zum Beispiel solche Szenen.

Veganes Frühstück mit Schattenplatz auf dem Klima-Camp

Plakat in Pödelwitz

 

An diesem Morgen verabschiedete sich die Tour de Natur vom Klima-Camp, das zum Ende des Camps am Wochenende einige Aktionen gegen die Kohleverstromung vorbereitet. 

Im großen Kreis wurden auf dem Dorfplatz von der Tour de Natur die heute abreisenden Mitfahrer verabschiedet. 

Verabschiedung der abreisenden Tourmitglieder auf dem Dorfplatz in Pödelwitz

 

Dann ging’s los auf die recht kurze Tagestour nach Leipzig. Die Tour radelte zunächst auf Wirtschaftswegen, um dann über Land- und Bundesstraßen in Richtung Leipziger Neuseenland zu steuern. Schon zu DDR-Zeiten war geplant, die Tagebaue um Leipzig nach deren Ausbeutung zu Erholungsseen umzuwandeln. Diese Planungen wurden jedoch nie realisiert, wohl aufgrund der hohen Kosten, aber auch aufgrund der misslungenen Umstellung auf sowjetische Erdöllieferungen, für die eine Rohrleitung („Freundschaft“) von der DDR durch Russland bis jenseits des Ural gebaut worden war. Aber nach der Ölkrise und dem Anstieg der Rohölpreise, der auch von der verkaufenden Sowjetunion vollzogen wurde, sollte die Braunkohle zur Verstromung wieder verstärkt genutzt werden, was zu einer Intensivierung der Braunkohleförderung in der DDR führte. Es soll sogar die Planung gegeben haben, den Cospunder Tagebau durch den Elster und Pleister Auewald bis in das Siedlungsgebiet von Leipzig hinein auszudehnen.

Unterwegs in der Bergbaufolgelandschaft

 

Die Tour querte auch den seit einigen Jahren fertig gestellten Überlauf der Weißen Elster in den Zwenkauer See. Nach den Hochwasserschäden in dieser Region wurde dieses Aufnahmebecken angeschlossen. In Planung soll sich auch ein Kanal- und Schleusensystem befinden, das die Tagebauseen untereinander verbindet (die Wasserstände sind unterschiedlich hoch) und das den teilweise schon einmal begonnenen Elsterverbindungskanal wieder in Funktion bringt und fortsetzt. Die aus öffentlichen Mitteln zu finanzierenden Kosten für diesen ,Wasserstraßenbau‘ sind sehr erheblich und werden jene Menschen erfreuen, die genügend Wohlstand haben, um sich ein Boot zu leisten. Deren Anzahl müsste sehr überschaubar sein.

Am Cospunder See wurde in der Nähe des Aussichtsturms Bistumshöhe eine Pause eingelegt. Einige Touries kletterten hinauf (Plattform auf 38 m Höhe) und hatten von dort oben einen grandiosen Blick auf die beiden Seen, die Silhouette Leipzigs, das Braunkohlekraftwerk Lippendorf und die vielen Hügel in der Landschaft, die allesamt aus Aufschüttungen der Braunkohleindustrie entstanden sind.

Blick von der Bistumshöhe auf die Tour de Natur

 

Einen noch besseren Überblick über die radelnde Tour verschaffte sich ein Polizeihubschrauber, der seit Pödelwitz fast durchweg die Tour begleitete. Selbst am Cospunder See kreiste dieses Einsatzfahrzeug über der Tour, hier zum Teil in so geringer Höhe, dass eine Unterhaltung nicht mehr möglich war.

Nun stellt sich die Frage, welchen Zweck diese polizeiliche Maßnahme hatte. Da die Tour de Natur schon seit 26 Jahren allsommerlich unterwegs ist und die Zusammensetzung der Teilnehmer sich kaum geändert hat, liegen vielfältige, auch polizeiliche Erfahrungen mit der Tour vor. Dass von der Tour jemals gefährliche Einwirkungen auf die Umgebung ausgegangen sind, ist nicht bekannt. Die meisten polizeilichen Begleitungen sind problemlos verlaufen und die Polizisten verabschiedeten sich mit anerkennenden Worten über die Kooperation. Somit kann der Zweck der extensiven polizeilichen Eskortierung hier in Sachsen wohl nicht darin bestanden haben, ,etwas‘ vor der Tour zu schützen.

Bleibt also die bereits erörterte Zweckdienlichkeit: Die Polizei schützt die Tour de Natur vor Unbill und Gefährdung, wie dies halt von einem Freund und Helfer erwartbar ist, und an diesem Tag sogar auch aus der Luft. Diese Fürsorglichkeit kann ernste Veranlassungen haben. So soll es hier in der Region nicht wenige Problemhabichte geben, die sich in den Waldungen zusammenrotten und bösartige Angriffe gegen Radlergruppen fliegen. Jenem drohenden Unheil kann die Lufthoheit der Hubschrauberpolizei wirksam begegnen. Zweitens: An windarmen Hitzetagen wie diesen könnte auch die Polizei befürchten, dass durch die Tagebauregionen Radelnde kollabieren. Hubschraubereinsatz sorgt für Kühlung bringende Ventilation von oben und wird bekanntermaßen gern auch von Fußgängern angenommen. Und nicht zuletzt soll auch in Polizeikreisen hinreichend bekannt sein, dass die Emissionen des Braunkohlentagebaus beträchtlich und gesundheitsschädlich sind. Deshalb sorgen Hubschraubereinsätze für extensive lokale Verwirbelungen der unteren Luftschichten und damit für ein weniger belastetes Mikroklima im der Umgebung der unter ihnen Atmenden und Dahinradelnden.

So ist doch der sächsischen Polizei für ihren heutigen Einsatz zu danken. Argwohn verbietet sich, Einschüchterung und Kriminalisierung liegt ihr fern. Man kann sich mit der Polizei freuen, dass sie über genügend Personal und Fluggeräte verfügt, um einer so kleinen und harmlosen Fahrraddemonstration wie der Tour de Natur ihre umfängliche Aufmerksamkeit zu widmen und für Schadenabwehr und erhöhte Aufenthaltsqualität zu sorgen bereit ist.

Die Mittagsrast fand am Cospunder See statt, mit Gelegenheit zum Schwimmen und mit einer Führung durch den Ort Zöbigker und eine Besichtigung der dortigen ,Fahrradkirche“. 

 

Mittagsrast am Cospunder See

 

Die Fahrradkirche Zöbigker ist ein liebevoll von der Martin-Luther-Kirchgemeinde in Markleeberg-West betreutes Projekt. Die hier engagierten Menschen haben die mitten im Dorf gelegene Bauruine in einen Zustand verbracht, dass im Garten bereits Kulturveranstaltungen im Freien vor der Kulisse der Kirche stattfinden können. Demnächst wird ein Foliendach aufgebracht, danach wird auch ein Toilettentrakt angebaut; eine einfach Pilgerunterkunft ist in Planung. Ziel des Vorhabens ist es, den vielen Radfahrern, die hier am See unterwegs sind (der See ist an keiner Stelle mit PKW erreichbar, sondern nur zu Fuß, mit dem Rad oder mit dem Bus), einen Ort der Erholung und Besinnung zu bieten. Im Flyer ist dazu zu lesen: „Das Fahrrad ist dabei auch ein Symbol zur Bewahrung der Schöpfung.“

Führung durch das Projekt „Fahrradkirche Zöbigker“

 

Weiter ging es durch die an den See grenzenden Elster Pleiße Auenwälder. Einen Infohalt gab es am darin gelegenen Wagenplatz „Toter Arm”. Mitglieder der Wagengemeinschaft (17 Erwachsene und 15 Kinder) begrüßten uns und schilderten die mittlerweile 18-jährige Bestehensgeschichte und die Organisation sowie die Grundideen des Miteinander. Die Nutzung dieses Waldstücks ist durch einen Pachtvertrag mit der Stadt Leipzig abgesichert. Es gibt diverse Gemeinschaftseinrichtungen auf dem Gelände (Komposttoiletten, Badewagen, Veranstaltungswagen mit Küche, Getränkeausschank, Abwassertank etc.). Vieles wird gemeinschaftlich organisiert, so das mehrmals wöchentlich erforderliche Wasserholen oder das Lastenrad. Wichtige Entscheidungen werden im Plenum erörtert und dann umgesetzt, wenn ein allseits akzeptierter Vorschlag entwickelt worden ist. Die Wohnwagen sind Privateigentum. Die Entscheidung, wer auf den Platz ziehen kann, ist jedoch Gruppenangelegenheit.

Die Kinder fühlen sich in dieser naturnahen und freien Lebensweise sehr wohl und werden gern und oft von anderen Kindern besucht. Kinder im Jugendalter sehen dies nicht selten anders. Mehrere Kinder, die hier aufgewachsen sind, haben sich im Erwachsenenalter wieder in eine Wagengemeinschaft hineinbegeben.

Einmal in Monat findet eine öffentliche Kulturveranstaltung statt, immer auch begleitet von einem Essen der Vokü (Volksküche). 

Am späteren Nachmittag traf die Tour dann an ihrem Tages- und Tourziel an, in Leipzig im Stadtteil Kleinzschocher, wo sie großzügige Räumlichkeiten in der Sporthalle und auf dem Außengelände vorfand.

Kommentare

Luftbegleitung

Lieber Karl-Heinz3! Es ist in der Tat sehr umsichtig, wie sich die sächsische Polzei um uns kümmert. Du hast den Nagel auf den Kopf getroffen :-)

 

Blog

Lieber Karl-Heinz3,

meine Hochachtung vor dem und meinen herzlichen Dank für den manchmal launigen, immer aber hoch informativen Blog, der meine Sehnsucht nach der Tour noch weiter anheizt. Tolle treue Arbeit im Sinne der Tour! Einfach Klasse! Anja

Und.wie gut, dass Euch die Problembussarde.Euch nichts anhaben konnten ;-) !