Samstag, 28.07.2018: Achter Tag der Tour de Natur – von Nordhausen nach Sangerhausen (56 km)

Frühstück an diesem Morgen wie an jedem Morgen? Ja und nein. Es gab wiederum ein liebevoll zubereitetes Müsli mit Hafer- oder Sojamilch, dazu Bananenhälften und Äpfel. Oder Haferflockenmüsli. Zudem frisches Vollkornbrot mit zwei würzigen, von der Küche hergestellten Aufstrichen oder Marmeladen bzw. Nussmus. Dazu Kaffee, Getreidekaffee oder Schwarztee bzw. Kräutertee. Verzehrt werden konnte dies im Sitzen an Tischen bei morgendlich warmer Sommersonne. Das ist eigentlich nicht zu überbieten, jedenfalls für Tour de Naturteilnehmer.

Frühstücksmüsli auf der Tour de Natur – liebevoll zubereitet und präsentiert von Fläming Kitchen

Sehr zweckmäßig ist es, wenn man schon vor dem Frühstück, das um 8 Uhr ,eröffnet‘ wird, die Morgenwäsche bereits hinter sich und gepackt hat. Denn: Um 9:30 Uhr soll aufgebrochen werden. Und davor liegen noch diverse Tätigkeiten, z. B. das Säubern der Räumlichkeiten, die Unterstützung der Küche und zuletzt: das Aufstellen zur Abfahrt – eine nicht zu unterschätzende Aufgabe für eine riesige Radlergruppe und ein kritisches Ereignis für jene Tourmitglieder, für die Pünktlichkeit eine gelegentlich Variante ihres Alltags zu sein scheint. Aber wir müssen los, die Polizeieskorte wartet, fast alle Anderen warten auch, und das Tagesprogramm basiert auch auf der Voraussetzung, dass halb zehn doch wahrlich kein Frühstart ist.

An jedem Tourmorgen werden die Tourmitglieder, die an diesem Tag abreisen, von der Gruppe verabschiedet. Diese Situation hat etwas ganz Besonderes. Im großen Kreis finden sich viele Touries ein, die Abreisenden stellen sich in die Mitte, und alle singen gemeinsam das wunderschöne Lied „Führe die Straße, die Du gehest, immer nur zu Deinem Ziel bergab“. 

Ja, es ist tatsächlich so, dass auf dieser Radtour eine besondere Form der Gemeinschaft entsteht, dass Verbundenheit das Tragende bildet, dass viele Gelegenheiten zum Gespräch, aber auch zum gemeinsamen Tätigsein entstehen, sei es in der Arbeit für die Küche (Essensvorbereitung, Spülen), beim wechselseitigen Sich Helfen, in der Organisation am Quartier (z. B. Halle säubern), bei den künstlerischen Aktivitäten (Singen, Theater, Orchester) oder einfach nur beim geselligen Miteinander am Abend. Und dann kann man etwas vermisst werden, wenn man vorzeitig abreist, und man kommt im nächsten Jahr wieder dazu, zu denen, von denen man schon etliche kennt und die sich an einen erinnern.

Abschiedskreis am Morgen

 

Die heutige Strecke verlief durch den Südharz, was schon anzeigt, dass es immer mal wieder kleine Steigungen zu bewältigen gab – und natürlich auch einige Abfahrten, die besondere Kühlung brachten. Aber große Steigungen standen nicht mehr auf dem Programm.

Eine ganze Zeitlang radelten wir durch das Tal der Helme (Goldene Aue) mit Blick auf den Kyffhäuser, der mit beiden Merkmalen hervortrat. Zum einen bietet dieser südlich unserer Route gelegene Höhenzug eine veritable Alternative zu den mächtigen Höhen des im Norden liegenden Harzes. Zum anderen steht dort, schon von weitem sichtbar, das Kyffhäuser-Denkmal. Mit Letzterem müssten wir uns eigentlich beschäftigen, denn es stammt aus einer Zeit und aus einer Geistesrichtung sowie politischen Tradition, die in deutschen Landen viel mehr Schaden als Nutzen gestiftet hat. Heute – d. h. mehr als siebzig Jahre nach dem Sieg der Alliierten über das Nazi-Deutschland – müsste in unserem Land eigentlich jedem klar sein, dass der Nationalismus keine politische und keine kulturelle Option mehr sein kann, geschweige denn die Wiederherstellung des Monarchie. Aber dort oben, im Kyffhäuser-Denkmal, dort wird der schlafende Kaiser Barbarossa dargestellt, der darauf wartet, dass er wieder erweckt wird, um das x-te Deutsche Reich (vom Dritten war gerade die Rede) zu Glanz und Größe zu führen. 

Die Tour de Natur blickt auch auf den Kyffhäuser

 

Vor der Mittagspause ergab sich noch eine unerwartete Gelegenheit. In Tal der Helme gibt es Kiesteiche, die stillgelegt sind. Und an einem solchen machten wir Pause. Das Wasser war warm, zum Schwimmen angenehm, doch musste nach einigen Meter über eine Kiesbank hinweggelaufen (nicht geschwommen werden). Also, ein Badesee ist das noch nicht, aber für unsere Bedarfe reichte er vollkommen aus. 

Dann wurde zur Mittagspause geradelt, nach Tilleda, wo es auch eine Königspfalz zu besichtigen gibt. Toiletten und Waschgelegenheiten waren hier verfügbar. Es gab eine passende warm-kalte Mahlzeit und etwas Zeit zum Ausruhen.

Den letzten Teil der Tagesstrecke radelten wir dann durch bis Sangerhausen. Es ging hinein in die schön renovierte Altstadt, die an diesem Samstag Spätnachmittag ziemlich verlassen dalag. Aber nun kam Leben auf, als 150 Radler einfuhren und am Kornmarkt Station machten. Dort gab es auch etwas, was auf dem veganen Speiseplan der Tour de Natur und den begrenzten Möglichkeiten der mobilen Küche niemals stehen könnte: Speiseeis. Die lange Schlange zeigte an, was Entbehrung bewirken kann, bei den Erwachsenen und auch bei den Kleinkindern.

Mehrgenerationales Tour de Natur-Eisessen am Kornmarkt in Sangerhausen

 

Blick aus der Sangershauser Altstadt auf die Abraumhalde des früheren Kupferschieferabbaus

Im Namen des Bürgermeisterns begrüßte uns der Fachbereichsleiter Udo Michael (ein begeisterter Radler) auf dem Kornmarkt. Er schilderte, dass Sangerhausen große Anstrengungen unternommen hat, den Radtourismus zu fördern. Und er erläuterte, dass innerhalb dieser Kleinstadt der Autoverkehr erheblich eingeschränkt worden ist, was den Radfahrern sehr zum Vorteil ist.

Auf die besonderen Attraktionen von Sangerhausen wies er auch hin. So gibt es hier das Rosarium, einen riesigen und in seiner Vielfalt grandiosen Rosengarten, der sehr viele Besuchergruppen anzieht. Und es gibt das Schaubergwerk Röhrigschacht, das an die frühere Bergbauindustrie erinnert und eine einzigartigen Grubenfahrt ermöglicht. Es wird, nach Ausstattung mit Schutzkleidung, in den Schacht auf eine Tiefe von 283 Metern eingefahren und dort unten werden jene Arbeitsorte und -bedingungen gezeigt, die für den Abbau des Kupferschiefers typisch waren. 

Einige Touries radelten zum Rosarium für dessen Besichtigung. Die Anderen fuhren zum Quartier, was noch eine kleine Wegstrecke entfernt lag. Es ging in das Dorf Riestedt und dort in die Freie Schule. Leider begleitete ein starker Gewitterregen unsere Ankunft, aber nach Rücksprache mit dem Hausmeister und der Schulleitung wurde uns ein sehr angenehmes Quartier zum Unterstand und auch für die Mahlzeiten geboten. 

Die Freie Schule ist entstanden, weil die hiesige Schule aufgegeben worden ist. So wie manch andere Schule im ländlichen Raum und vor allem in den neuen deutschen Bundesländern folgte die Schulschließung dem Rückgang der Bevölkerungszahlen. Jedoch: Eine Gruppe von Menschen aus dieser Region entschloss sich, die Schule neu zu gründen. Sie informierten sich und beschlossen, eine Freie Schule in der Tradition der reformpädagogischen Schulen im Sinne von Peter Petersen zu eröffnen. Heute, so berichtete die Schulleiterin den Tourteilnehmern, sei dieses gewagte Experiment mehr als gelungen. Die Schule wird stark nachgefragt und muss Schüler abweisen. Es gibt genügend engagierte Lehrkräfte. Durch die Einrichtung von Hort und Schule kann eine Betreuung der Schüler gewährleistet werden, die Wessis sprachlos machen kann (Betreuungsbeginn: 6 Uhr, Betreuungsende: 18 Uhr, Ferienbetreuung durchweg). Das alles wird ermöglicht bei einem Schulgeld von maximal 80 Euro pro Kind und Monat, wobei Elterneinsätze für den Erhalt und die Pflege von Schulgebäude und -anlage sowie die Unterstützung von Veranstaltungen erwartet werden.

Im Veranstaltungsraum der Schule konnte an Tischen mit Tischdecken (ein seltenes Ereignis auf unseren Touren) das Abendessen eingenommen werden. Es lohnte sich, einfach sitzen zu bleiben (das wünschen sich nach Mitteilung der Schulleiterin auch manche Kinder, wenn hier das Schuljahr zu Ende geht, weil sie so gern zur Schule gehen) und noch ein kühles Bier zum Selbstkostenpreis oder eine Flasche Unstrut-Wein zu konsumieren.