Donnerstag, 26.07.2018: Sechster Tag der Tour de Natur – von Göttingen nach Duderstadt (39 km)

Die Wettervorhersage für den heutigen Tag war gut: kein Regen! Aber auch: Sonne mit 35 Grad im Schatten, für eine Radtour am Rande des Harzes hinein ins Eichsfeld doch ziemlich warm, eigentlich eher heiß, also eine ziemliche Herausforderung für die erste Etappe, die über eine Steigungsstrecke zum Dorf Waake führte. Die meisten Touries radelten mit moderater Geschwindigkeit bergauf, einige entschlossen sich zum Schieben, aber letztlich kamen alle „oben“ an und genossen dann die Abfahrt und die schönen Ausblicke auf die eindrucksvoll gegliederte, sehr hügelige Landschaft des Vorderharzes. 

Wenn, wie dies oft der Fall ist, die Landstraßen mit Alleebäumen bepflanzt sind, dann ergeben sich schöne Bilder. Wie eine Girlande zieren die Linden einen nur dadurch erkennbaren Straßenverlauf in ferner Hanglage. Die bereits abgeernteten Getreidefelder leuchten in fahlem Gelb. Und gelegentlich dann einige Pappelreihen, deren schlanke Gestalt an toskanische Landschaften erinnern.

Eichsfeld

Das Eichsfeld vor Duderstadt

Für die meisten Tourteilnehmer ist das Radfahren durch die Landschaft mehr als eine Fortbewegung und auch mehr als eine sportliche Betätigung. Sie genießen die wechselnden Eindrücke des Landschaftsbildes und freuen sich, wenn der Kraftfahrzeugverkehr auf der befahrenen Route nicht zu dicht und somit laut und atemwegsbelastend ausfällt. Tour de Natur ist nicht immer, aber häufig so etwas wie eine zweiwöchige Landschaftsbesichtigung. Obwohl auch der ländliche Bereich fast durchweg Kultur- und somit nicht „Natur-“Landschaft ist, also land- und forstwirtschaftlich genutzt wird, ist diese ja unsere Lebensumgebung, für deren Ökologie wir Sorge tragen müssen und möchten.

 

Vor dem Dorf Waake, das ca. 12 km entfernt von Göttingen gelegen ist, gab es einen Infostopp. Mit Blick auf die am Hang entlang führende Bundesstraße und eine ungewöhnliche Stahlbetonbrücke, die weder über eine Straße noch eine Bahnstrecke und ebenso wenig über ein Gewässer führt, erfuhren die Touries von der Aktivistin Viola van Cramon, dass die Bürgerinitiative „Keine Ortumgehung Waake“ viele Jahre gegen diese Bundesstraßentrasse gekämpft hat und auf dem Klageweg die Unrechtmäßigkeit des Bauvorhabens hat feststellen lassen. Aber diese Aktionen hatten letztlich das 24 Millionen Euro (geplant: 11 Millionen) teure Bauvorhaben nicht verhindern können, das weder durch das Verkehrsaufkommen gerechtfertigt werden kann, noch die allmorgent- bzw. abendlichen Staus des Pendlerverkehrs nach bzw. von Göttingen verhindert. Besonders ärgerlich war, dass der BUND sich anfangs am Klageverfahren beteiligte, dann aber plötzlich einfach ausstieg. So wurde dieses Vorhaben, das von dem Bundestagsabgeordneten Thomas Oppermann, der in dieser Region ,seinen‘ Wahlkreis hat, massiv unterstützt wurde, dann doch realisiert. Und der BUND bekam das, was er wünschte: eine Grün- bzw. Wildkatzenbrücke (Kosten: 2,5 Millionen Euro) am Ortsrand, die nun von den Touries bestaunt werden konnte.

Vor Waake 

Ortsumgehung der B 27 mit Grünbrücke vor Waake

Die Tour radelte dann in das Dorf hinein und konnte eine Erfrischungspause auf dem Biolandbetrieb „Brothof Waake“ einlegen. Dort erfuhren die Teilnehmer von Land-, Gemüse- und Schweinewirt sowie Müller und Bäcker Hannes, dass auch sein Betrieb durch die Bundesstraßenumgehung wertvolles Pachtland verloren hat. 

Der Biolandhof bot einen interessanten Blick auf eine vielseitige bäuerliche Landwirtschaft. Der hölzerne Schweinestall erinnerte an Bilder, die die Älteren vielleicht noch aus ihrer Kindheit kennen, und die sich heute eher in Kinderbüchern als in der Realität industrieller Viehwirtschaft finden lassen. Wertvoller Anschauungsunterricht also für die Kinder und Jüngeren auf der Tour de Natur: So geht es zu, wenn Schweine artgerecht gehalten werden. Und einige Schweine schauten sich diese bunten Gestalten, die das Hofgelände durchstreiften, aufmerksam an. Wer kommt da: Kundschaft, Interessenvertretung oder gar entfernte Verwandtschaft?

Schweinestall auf dem Bioland Brothof in Waake

Landschaft vor Ebergötzen

Die Tour vor Ebergötzen

Weiter ging es dann durch das schöne Eichsfeld nach Seeburg.Die siestahaft anmutende Mittagspause fand am See statt, unter schattenspendenden Bäumen. Das Freibad lud zur halben Abkühlung ein. Immerhin: bei mehr als 35 Grad im Schatten waren die 24 Grad Wassertemperatur schon erfrischend und/oder die Dusche, denn der Algenwuchs im Uferbereich färbte das Seewasser beträchtlich.

Freibad in Seeburg

Freibad am Seeburger See

Die Wegstrecke nach Duderstadt, Zentrum des Eichsfelds, verlief ohne größere Steigungen. Zumeist folgte die Straße der früheren Bahnstrecke, die 1974 stillgelegt worden ist. Seitdem ist Duderstadt vom öffentlichen Nahverkehr ziemlich abgeschnitten; die Busfahrt zum 25 km entfernten Göttingen dauert eine Stunde. Vor dem imposanten Gebäude des Duderstädter Rathauses trat die Tour de Natur mit mehreren Protestliedern auf, die den Unsinn des privaten Automobilverkehrs in nachdenklicher und auch in amüsanter Weise zeigten.

Protestsongs der Tour de Natur vor dem Rathaus in Duderstadt

Der Vorsitzende des Verkehrsausschusses der Stadt, Herr Hesse, begrüßte im Auftrag des Bürgermeisters die Tour de Natur. Er gab einige Hinweise auf besondere umweltorientierte Aktivitäten der Stadt, so z. B. die Gründung einer Solargenossenschaft und die Förderung von touristischen Radwegen. Dass die geplante Ortsumgehung, d. h. der Ausbau der B 247, umstritten ist, das räumte Herr Hesse ein.

Ansprache von Herrn Hesse in Vertretung des Duderstädter Bürgermeisters vor dem Rathaus

Ansprache von Herrn Hesse in Vertretung des Duderstädter Bürgermeisters vor dem Rathaus

So kam auch mit Herr Schwedholm die Initiative gegen den Bundesstraßenausbau zu Wort, jedoch zunächst nur kurz. Immerhin geht es um Bundesmittel in Höhe von 40 Millionen Euro, die verausgabt werden sollen für die neue und verbreiterte Streckenführung, die das schöne Hahletal zerschneiden wird und den Pferdeberg untertunneln. Die verkehrsplanerischen Zahlen jedenfalls rechtfertigen den Ausbau nicht; es ist aufgrund der hier im Eichsfeld bestehenden Abwanderung nicht mit einem erhöhten Verkehrsaufkommen zu rechnen. Andere Interessen scheinen im Hintergrund auf, z. B. die Attraktivierung von ausgewiesenen Industriegebieten am Stadtrand.

Ansprache von Herrn Schwedholm von der Bürgerinitiative gegen den Bundesstraßenausbau

Ansprache von Herrn Schwedholm von der Bürgerinitiative gegen den Bundesstraßenausbau

Die große Turnhalle mit weitläufigem Rasengelände des Eichsfeld-Gymnasiums bot ein angenehmes Übernachtungsquartier am Rande der Stadt.

 

Rasenfläche mit Zelten der Touries am Eichsfeld-Gymnasium in Duderstadt