Mittwoch, 25.07.2018: Fünfter Tag der Tour de Natur – Exkursionstag in Göttingen

Die Tour de Natur nutzte diesen wiederum herrlich hochsommerlichen Tag als Pause vom Streckenradeln und als Gelegenheit für Exkursionen und Workshops. Für den Vormittag standen mehrere Veranstaltungsalternativen zur Auswahl.

 

Exkursion Radschnellweg

Zunächst gab es in der Geschäftsstelle des ADFC Göttingen (angesiedelt im Göttinger Umwelt- und Naturschutzzentrum e. V., GUNZ) einen Vortrag von Rainer Worm über bemerkenswerte Diskrepanzen. Referiert wurden die stadtoffiziellen Darstellungen zum Projekt eRadschnellweg in Göttingen, denen dann Informationen über die tatsächliche Realisierung des Vorhabens gegenübergestellt wurden. 

Göttingen ist eine Großstadt mit ca. 11% Radverkehr im sog. Modal Split – im Bundesvergleich ein relativ hoher Anteil, der gesteigert werden soll, um die insbesondere klimaschädlichen Konsequenzen des Kraftfahrzeugverkehrs zu mildern. Für das Projekt eRadschnellweg Göttingen (Länge 4 km, Kosten 1,1 Mill. Euro) konnte eine Förderung über das „Schaufenster Elektromobilität“ der Bundesregierung eingeworben werden. Die Wegführung nutzt bereits vorhandene Fahrradstraßen und -wege. Verkehrsbeschleunigung wird abschnittsweise über adaptive Ampelschaltung (Grüne Welle) eingeführt. Das Projekt wurde wissenschaftlich begleitet von der Professur für Informationsmanagement an der Universität Göttingen, Fakultät für Wirtschaftswissenschaften; eine Ergebnisveröffentlichung liege aber nicht vor. Erstaunlicherweise gibt es jedoch keinen Winterdienst für den Radschnellweg. Zudem werden durch Straßenbaumaßnahmen und Beschilderungen immer wieder erhebliche situative Einschränkungen und Gefährdungen hervorgerufen (z. B. Beschilderungspfosten für Autoverkehr).

Im Anschluss an den Vortrag erprobten die Touries den eRadschnellweg und stellten fest, dass hier tatsächlich eine tw. deutlich verbreiterte Fahrradspur eingerichtet und zudem farbig und per Beschilderung kenntlich gemacht worden ist. Aber die Streckenführung lässt doch zweifeln, ob hier wirklich eine innovative Radwegalternative eingerichtet worden ist. Vielleicht handelt es sich eher um ein typisches Projekt aus der Übergangsphase, in der sich unsere Gesellschaft befindet. Mittel- und langfristig hat der Kraftfahrzeugverkehr keine Chance, schon gar nicht in unseren Städten, aber derzeit verschließen viele Menschen davor noch die Augen und wünschen keine Verkehrseinschränkungen bzw. halten es für Fortschritte, wenn kleine Verbesserungen für den Radverkehr eingeführt werden.

Erprobung des eRadschnellwegs in Göttingen durch die Tour de Natur 

 

Konsumkritische Stadtführung

Geführt wurde diese Gruppe von Tourteilnehmern von zwei Studenten der Göttinger Universität, die sich ehrenamtlich beim Netzwerk von Jugendgruppen im Natur- und Umweltschutz in Niedersachsen (JANUN) engagieren. Erste Station des Rundgangs, der sonst vor allem für Schulklassen angeboten wird, war das vegane und ins Göttinger Foodsharing integrierte Weltladencafe. Daran schloss sich der Besuch im ohne jegliche (Kunststoff-)Verpackung auskommenden, seit Mai dieses Jahres geöffneten "Unverpacktladen" an, dessen Waren preiswert, nicht jedoch billig sind.

Ein Blick in den Unverpacktladen

Dritte Station war ein Gebäude der Göttinger Universität, die sich der „Fossil Free“-Bewegung angeschlossen und somit Aufträge aus Unternehmen abgezogen hat, die in die Nutzung fossiler Energie investieren. Die Stadt Göttingen ist mit der Positionierung ihrer Gelder sogar noch konsequenter: auch ethisch nicht vertretbare Produktionsweisen wie Kinderarbeit und auf Tierversuchen basierte werden nicht mehr unterstützt. 

 

Den Abschluss des Rundgangs bildete das Göttinger Umwelt- und Naturschutzzentrum (GUNZ), wo die Verteilstation der Produkte aus zwei Projekten solidarischer Landwirtschaft (Hebenshausen und Landolfshausen) besichtigt werden konnte. Solidarität mit dem Landwirt heißt hier in letzter Konsequenz, dass im Dürresommer 2018 die bezahlte Gemüsekiste auch mal leer sein darf.

 

Verkehrswendeaktionen

Jörg Bergstedt berichtete über eine Vielzahl von Aktionsformen, die inbesondere in ökologisch orientierten, verkehrspolitischen Kampagnen eingesetzt werden können. Ein vielleicht überraschendes Beispiel, über das ausführlich die Internetseite www.schwarzstrafen.tkinformiert: „Schwarzfahren“ mit Hinweisschild und Flyer ist keine „Erschleichung von Leistungen“, da dieses Vorhaben ja nicht ,heimlich‘ erfolgt. Auf der Seite www.projektwerkstatt.dewerden viele Formen der Direkten Aktion und des zivilen Widerstandes vorgestellt.

Jörg Bergstedt informiert über Formen direkter Aktion 

Jörg Bergstedt informiert über Formen direkter Aktion

 

Exkursion zur Biogasanlage im Energiedorf Jühnde

Seit 2005 ist das „Energiedorf Jühnde“, ca. 15 km südwestlich von Göttingen gelegen, weltbekannt. Die 35 TeilnehmerInnen der Tour de Natur hatten in praller Sonne eine steigungsreiche Strecke zu bewältigen. Ein Mitarbeiter der Biogasanlage erläuterte die technischen Einrichtungen: vom Fermenter bis zur flexiblen Steuerung der Nachbereitung. Leider gab es nichts vom (Energie-) Dorf zu sehen, dessen 140 Haushalte über ein Nahwärme-Netz versorgt werden. Energietechnisch und -politisch gesehen wird vor allem durch die Wärmegewinnung und deren Nahverbrauch zum Klimaschutz beigetragen; die zugleich anfallende Stromproduktion ist von geringerer Bedeutung.

Es blieb allerdings kaum Zeit für eine kritische Auseinandersetzung mit der Herstellung des Agro-Gases, das land- und viehwirtschaftliche Produktion voraussetzt und damit in Konkurrenz tritt zur Erzeugung von Nahrungsmitteln. Herr Menke, der in dem Energiedorf lebt, bat um Respekt für die Arbeit der Landwirte, ob sie nun konventionellen oder ökologischen Landbau betreiben: sie seien es, die die Rohstoffversorgung gewährleisten.

 Biogasanlage im Energiedorf Jühnde

Exkursion zum Friedensgarten und zur Lehrimkerei

In Göttingen gibt es drei sog. Friedensgärten, in denen Menschen unterschiedlicher nationaler Herkunft und ethnischen Hintergrunds zusammen arbeiten. Die Tour de Natur besuchte den Friedensgarten im Stadtteil Grone. Die Gruppe besteht aus ca. 65 Mitgliedern, die aus 20 Nationen stammen. Derzeit sind Personen aus Syrien etwas überrepräsentiert. Es gibt in diesem Bereich, der innerhalb einer Kleingartenanlage liegt, sowohl gemeinschaftliche als auch private Parzellen. Letztere werden zum Teil durch auffällig zaunartige Konstruktionen eingegrenzt, was eigentlich nicht erwünscht ist, aber offensichtlich ein dringliches Anliegen der jeweiligen Gärtner widerspiegelt. Der Wasserbedarf wird in niederschlagsnormalen Jahren über Wasserzisternen (6000 l) gedeckt, was in diesem trockenen Frühjahr und Sommer nicht mehr möglich ist, so dass ein erhebliches Wasserbeschaffungsproblem besteht.

Die Lehrimkerei ist Teil des Friedensgartens. Hier arbeitet ein Imker und leitet fünf bis zehn Helfer an. Im Unterschied zu den wenig reglementierten gärtnerischen Aktivitäten besteht in der Imkerei eine starke regelbezogene Einbindung in die Abläufe. In den ca. zwanzig Bienenstöcken wird einiger Honig gesammelt, so dass auch privater Honigverkauf möglich ist.

 

Exkursion zum Wohnprojekt Our House OM10

Im November 2015 besetzte eine Gruppe von Aktivisten in Göttingen das bereits seit sechs Jahren leerstehende Gebäude in der Oberen Masch-Str. 10 (ehemaliges DGB-Haus), um Wohnraum für Geflüchtete und andere Wohnungssuchende zur Verfügung zu stellen und damit deren fatale Lage zu verbessern. Das jetzt in die abschnittsweise Renovierung gebrachte Gebäude wird von 13 (Hauptgebäude) plus 7 (Nebengebäude) Personen bewohnt. In dem Wohnprojekt werden auch Deutschkurse für Flüchtlinge durchgeführt, zudem gibt es eine Rechtsberatung. Zur Verfügung steht auch ein großer Veranstaltungsraum. Das Haus konnte mittlerweile gekauft werden und ist in eine besondere Rechtsform überführt worden: Der „Hausverein“ und das Mietshäusersyndikat sind Gesellschafter der „Hausbesitz-GmbH Our House“. So soll eine mögliche Reprivatisierung bzw. der Zugriff des Immobilienmarktes verhindert werden.

 

Der heiße Sommertag verabschiedete sich mit einem milden Abend, den die Touries auf dem angenehm beleuchteten Schulhofgelände und dessen Bänkegruppen verbrachten. Verkehrslärm war nicht zu hören. Hingegen gab es anderes: einen Samba- und einen Liederworkshop, späterhin spielte eine Auswahl des Tour de Natur-Orchesters im Hintergrund schöne Melodien. Für Getränke war gesorgt, in vielen kleinen Gruppen unterhielten sich die Menschen – ein wunderbarer Hochsommerabend mitten in der Großstadt Göttingen!