Rheinübergänge für Rad und Bahn verbessern!

 

ES geht doch - mit FAhrrad über die Iffezheimer StaustufeDer siebte Tag der Tour de Natur begann mit einem herrlich warmen Morgen, der zum Frühstück auf die Wiese vor der Sporthalle einlud. Die Gemeinde Kehl-Neumühl hatte nicht nur ihre Halle der Tour zur Verfügung gestellt, sondern auch für Bänke und Tische gesorgt, auf denen sich trefflich sitzen ließ. Also: bequemes und geselliges Speisen in der hochsommerlichen Wärme des Oberrheingrabens.

Die Tour führte durch die durchweg flache, landwirtschaftlich stark genutzte Region von Kehl in Richtung Norden nach Rastatt. Zur Mittagsrast hatte der Mederhof im Dorf Rheinmünster-Söllingen eingeladen. Hier hatte Wams Fläming Kitchen schon das Equipment aufgebaut und ein delikates Mahl vorbereitet: Linsensuppe und gemischter Salat, dazu Brot mit diversen, sehr delikaten (fast durchweg „hausgemachten“) veganen Aufstrichen. Der Mederhof ist ein zertifizierter Bioland-Betrieb und vermarktet zudem einen Teil seiner Erzeugnisse im eigenen Hofladen – ein kleines Einkaufsangebot, das von den Radler*innen gern angenommen wurde. Beeindruckend ein Gang durch den Kuhstall: Hier wird den Milchkühen frisch gemähtes Klee-Gras-Futter vorgelegt, dessen Geruch an saftige Wiesen erinnert. Der in industrieller Milchviehhaltung übliche und nicht gerade angenehme Gärgeruch von Maissilage fehlte.

Einige kurze Regenschauer unterbrachen die nachmittägliche Weiterfahrt, die an den Rhein führte. Das Flussniveau liegt bei Iffezheim mehrere Meter über dem Landschaftsniveau; hohe Deiche zeigen dies an. Der Oberrhein wird stark genutzt, als erheblich kanalisierte Wasserstraße für den dichten Frachtschiffsverkehr und als Energielieferant für zahlreiche Wasserkraftwerke. In Iffezheim werden die Schleusenanlage und die Kraftwerksstaumauer sowie der sog. Altrhein von einer Bundesstraßenbrücke überquert, die – und das erstaunte alle Tourteilnehmer*innen – nicht von Fahrrädern und Pedelecs benutzt werden darf. Die Planer hatten dieses Verkehrsmittel ebenso wie die Fußgänger schlicht und einfach „vergessen“.

Thomas Henschel, Mitglied des baden-württembergischen Landtages für die Partei der Grünen, begrüßte die Tour de Natur auf dem Parkplatz an der Staustufe Iffezheim und erläuterte die regionalen Initiativen zur Verbesserung der Rheinquerung. Die Theatergruppe der Tour de Natur unterstrich diese Forderung durch die szenische Aufführung „Stein ins Rollen bringen“. Auch der Kreisverband Baden-Baden Bühl Rastatt des ADFC beteiligte sich mit einem originellen Beitrag. Gezeigt wurden zwei aktuelle Modelle sog. Elektrofahrräder. Ein kleiner Unterschied wird für die Möglichkeit der hiesigen Rheinquerung ausschlaggebend: Mit dem versicherungspflichtigen E-Bike darf die Bundesstraße benutzt werden, das auf max. 25 km/h beschränkte sog. Pedelec gilt als Fahrrad und hat hier Fahrverbot. Welch ein grandioser Unsinn wird hier offenkundig!

Die Weiterfahrt über die Bundesstraßenbrücke war der Tour de Natur von der Polizeibehörde untersagt worden. Dagegen legte die Tour de Natur Rechtsmittel ein – mit Erfolg! So geleitete uns die Polizei über die Brücke und demonstrierte gemeinsam mit der Tour de Natur für diese Forderung: Radfahrer können (und sollen) diese Rheinquerung nutzen! Deshalb wurde vor der Fahrt über die Brücke diese als Radquerung symbolisch mit Sekt eingeweiht.

Auf der linken Rheinseite, also in Frankreich ging es weiter bis zur nächsten Rheinquerung, der bekannten Wintersdorfer Brücke, einer 1895 in Betrieb genommenen, zweigleisigen Bahnbrücke, die im Verlauf des zweiten Weltkriegs mehrfach durch Sprengungen zerstört worden ist. 1966 wurde der Zugverkehr auf der wiederaufgebauten Brücke endgültig eingestellt und eine Asphaltdecke aufgebracht. Kurz vor Ende dieser Ära wurden kurzzeitig die Fernzüge von Strasbourg über die Wintersdorfer Brücke umgeleitet, hier fuhr damals auch der Orient-Express!

So erfuhr die Tour de Natur sehr anschaulich - eine Woche vor dem Tunnelbauunglück bei Rastatt, das den gesamten durchgehenden Bahnverkehr zwischen Basel und Karlsruhe auf Wochen lahmtlegt -, dass die Deutsche Bahn bzw. die politischen VertreterInnen den zeitgerechten Anschluss der neuen Gotthardquerung ans deutsche Bahnnetz über Jahre verschlafen haben. Die Verlagerung des Güterverkehrs auf die Schiene ist schon viel zu lange hinausgezögert worden; das ist angesichts der Diskussionen um Abgasemissionen besonders pikant. Es ist unverantwortlich, dass die Bahn ein technisch hochriskantes Untertunnelungsprojekt unter einer bestehenden Strecke plant, ohne eine Ausweichmöglichkeit bei Schwierigkeiten vorzuweisen. Diese Ausweichstrecke wäre die Bahnverbindung von Rastatt via Wintersdorf über den Rhein nach Roppenheim und weiter nach Strassburg gewesen, wo via Kehl wieder auf die Rheinbahn gefahren werden konnte. Die Eisenbahnbrücke bei Wintersdorf ist jedoch seit Jahren nicht ausgebaut worden und zuletzt sind auch noch die Schienen auf deutscher Seite unterbrochen worden, was die Tourteilnehmer*innen vor Ort besichtigen konnten. 

Die heutige Etappe endete in Wintersdorf, das zu einem Stadtteil von Rastatt geworden ist. Die südliche Zufahrt in das Dorf unterquert eine bemerkenswerte Eisenbahnbrücke. Die Schienenstränge sind aufgetrennt und mit dem Schwellenbett für den Überspannungsbereich der Brücke um ca. einen halben Meter angehoben worden, um die Durchfahrtshöhe für LKW zu vergrößern. Damit wurde zugleich der Bahnverkehr technisch unmöglich gemacht. Mehrere Initiativen der deutschen und der benachbarten französischen Region, die sich zu dem Projekt „Trans-PAMINA“ zusammengeschlossen haben, haben spezifische Pläne zur Verbesserung des ÖPNV in dieser Region zusammengestellt. Ein Teilprojekt ist die Wiederinbetriebnahme der Bahnstrecke Rastatt–Wintersdorf–Haguenau. Dazu informierte auf einem Aktionsstop der Tour de Natur an der Bahnbrücke ein Kurzvortrag eines Trans-PAMINA-Mitglieds – mit dem Dank für die heutige Unterstützung dieser Initiative.

Auf der Abendveranstaltung am Tourquartier, der geräumigen Turnhalle des Dorfes und deren attraktivem Außengelände, wurde das verkehrspolitische Konzept von Trans-PAMINA ausführlicher vorgestellt.

Theater: Den Stein ins Rollen bringen

 

Symbolische Einweihung der Brücke für den Radverkehr

 

Wieder Bahnverkehr auf der Wintersdorfer Brücke